Warum Almased Apotheker braucht | APOTHEKE ADHOC
Formula-Diäten

Warum Almased Apotheker braucht

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Berlin -

Almased ist zwar als Lifestyle-Produkt bekannt, doch unterstützend kann es leitliniengerecht bei adipösen Patienten als Einstieg zur Gewichtsreduktion eingesetzt werden. Bei einem gemeinsamen Symposium von Almased und Deutscher Diabeteshilfe nahmen Experten die Vor- und Nachteile des Diätmittels genauer unter die Lupe. Ergebnis: Das Produkt ist einfach in der Anwendung, aber nur im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzepts sinnvoll. Kritikpunkte sind unter anderem irreführende Werbeaussagen sowie fehlende Beteiligung von Ärzten.

Die Adipositas-Leitlinie fordert als Grundlage eines Gewichtsmanagements eine Kombination aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. In Abhängigkeit von der Situation des Patienten kann außerdem der zeitlich begrenzte Einsatz von Formula-Nahrung mit einer Energiezufuhr von 800 bis 1200 kcal/Tag in Erwägung gezogen werden. „Dabei soll die Einbindung eines Arztes gewährleistet sein“, heißt es in dem 2014 veröffentlichten Papier der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG). Einseitige Diät-Maßnahmen lehnen die Experten ab, da sie „unnötige und unabsehbare Risiken bergen“ und ein vertretbarer Nutzen nicht darstellbar sei.

„Wir nutzen die Formula-Diäten unterstützend in der Therapie unserer adipösen Patienten“, sagt Professor Dr. Arya Sharma, Gründer und wissenschaftlicher Direktor des kanadischen Adipositas-Netzwerks. Auch er befürwortet die Verwendung der Pulver im Rahmen eines Gesamtkonzepts, relativiert allerdings: „Sie sind kein Allheilmittel.“ Adipositas lässt sich laut Sharma nicht heilen und ist ein chronisches Problem, das nicht nur mit fehlender Willenskraft zu tun habe. Die Fettsucht sei eine „lebenslange Diagnose“, weil der Körper immer versuche, auf das Ausgangsgewicht zurückzukehren.

Hilfsmittel wie Almased sowie die Willenskraft des Patienten können laut Sharma zwar maßgeblich zur Gewichtsreduktion beitragen. Allerdings sei es auch eine Herausforderung, das Gewicht langfristig zu stabilisieren. Hier spiele die Physiologie eine bedeutende Rolle: „Den Zentren im Gehirn, die sich um das Übergewicht kümmern, ist es egal, wie es zum Übergewicht gekommen ist.“ Es gebe Adaptationsmechanismen, die nach dem Gewichtsverlust aktiviert würden. Dazu gehörten beispielsweise hormonelle Veränderungen wie die Abnahme von Leptin und die Zunahme von Ghrelin. Auch würden der Appetit gesteigert und der Grundumsatz gedrosselt. „Wenn jemand jeden Tag fünf Kilometer läuft und damit abnimmt, muss er nach dem Gewichtsverlust mehr laufen, um sein Körpergewicht zu halten“, verbildlicht Sharma. Grund dafür sei die effizientere Arbeitsweise des Körpers.

Auch bei Diabetes mellitus werden dem Pulver positive Effekte zugeschrieben. Professor Dr. Stephan Martin, Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) im Verbund Katholischer Kliniken Düsseldorf (VKKD), ist unter anderem für Almased tätig und führt Studien mit diesem Präparat durch. Er stellte fest, dass sich der HbA1C-Wert unter Almased signifikant reduzierte. Das Produkt könne Typ-2-Diabetikern helfen, da es die Glucosekontrolle verbessere. „Patienten sollen nach dem 12-Wochen-Programm lernen, richtig zu essen – analog der Zusammensetzung des Pulvers“, sagt Martin. Aktuell sei eine neue Studie geplant mit Patienten, bei denen die Diagnose nicht länger als drei Jahre alt ist und die die Krankheit besiegen wollen.

Doch längst nicht alle Experten sind von Almased begeistert. Kürzlich verhängte das Landgericht Lüneburg ein Ordnungsgeld in Höhe von 50.000 Euro gegen den Hersteller, weil dieser verbotene Werbeaussagen bezüglich der Wirkung auf den Blutzuckerspiegel machte. Kritik kommt auch von Professor Dr. Hans Hauner, der ärztlicher Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin der TU München ist. „Die Hersteller machen oft unseriöse Angaben, wissenschaftliche Untersuchungen fehlen weitgehend“, sagt er. Eine Werbung mit einem Mediziner hält er zudem für fragwürdig. Er begrüßt, dass dies als nicht zulässig erklärt wurde. „Der Gesetzgeber sollte dafür sorgen, dass irreführende Werbung stärker unterbunden und Verbraucher sachgerecht informiert werden.“

Wissenschaftliche Studien, sofern überhaupt durchgeführt, dienten hauptsächlich der besseren Vermarktung („Alibifunktion“) und wiesen methodische Mängel auf. Dass Almased den Stoffwechsel aktiviere, sei „Unfug“ und wissenschaftlich nicht haltbar, denn es gebe kein diätetisches Prinzip der Stoffwechselaktivierung. Zudem kritisiert er, dass das Pulver als Nahrungsergänzungsmittel vermarktet werde, obwohl es als diätetisches Lebensmittel nach § 14 Diätverordnung (DiätV) einzustufen sei.

Er bemängelt, dass in Deutschland Almased frei und ohne Beteiligung von Medizinern und Ernährungsfachkräften verkauft werde. „Ein Arzt sollte immer eingebunden sein“, fordert er – analog der Leitlinie. „Viele Menschen müssen erst ärztlich untersucht werden, bevor sie derartige Präparate einnehmen“, sagt der Experte, der auch zu den Autoren der Leitlinie gehört. Der Ernährungsmediziner verlangt den Aufdruck des Hinweises: „Wenn Sie vorbestehende Erkrankungen haben oder über 50 Jahre alt sind, wenden Sie sich zuerst an Ihren Arzt.“ Im Rahmen multimodaler Konzepte sei das Produkt zwar verwendbar, aber so wie es in der Apothekenpraxis an die Kunden komme, nicht. „Dem Missbrauch ist so Tür und Tor geöffnet.“

Er weist darauf hin, dass Almased bei einer Untersuchung von Ökotest im vergangenen Jahr ein „ungenügend“ bekam: Ein Hinweis auf eine dauerhafte Ernährungsumstellung fehle, es wurde Chlorat nachgewiesen und gentechnisch verändertes Sojaeiweiß eingesetzt. „Das ist veraltet“, kommentiert er. Denn tierisches Eiweiß sei höherwertiger. Nicht nur Hersteller und Vertreiber sieht er in der Pflicht, durch Transparenz und Information den Nutzen ehrlich darzustellen und Schaden zu vermeiden, sondern auch die Apotheker sind gefragt: Sie sollen Almased nicht an alle Interessenten verkaufen, sondern wissenschaftlicher beraten.

Adipositas ist definiert als eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts mit einem BMI über 30. Bei solchen Patienten sieht die entsprechende S3-Leitlinie den Einsatz von Formula-Nahrung vor. Im deutschen Gesundheitssystem ist Fettsucht nicht als Krankheit anerkannt, sondern wird als Risikofaktor für Erkrankungen, wie beispielsweise Diabetes, Fettleber und Schlaf-Apnoe-Syndrom, gesehen. Die WHO dagegen misst dagegen der Adipositas einen Krankheitswert bei. Die einzelnen Komorbiditäten sind unterschiedlich stark mit der Fettsucht assoziiert. Die Prävalenz steigt mit zunehmendem Alter deutlich an.

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