Polypharmazie

„Viele wissen nicht, wofür sie was nehmen“ dpa, 18.03.2019 10:06 Uhr

Frankfurt/Main - Gerade ältere Menschen leiden oft unter mehreren Krankheiten gleichzeitig. Verschreiben verschiedene Fachärzte unabhängig voneinander Medikamente, kann das gefährlich werden. Neun, zehn Pillen am Tag sind der Durchschnitt, aber manchmal nehmen ältere Menschen mit mehreren Krankheiten auch 20 oder 30 verschiedene Medikamente täglich. Multimedikation oder Polypharmazie nennen Wissenschaftler das Problem. In Frankfurt suchen Mediziner nach Wegen, um Patienten vor den Gefahren eines unübersichtlichen Medikamentenmix zu schützen.

Professor Marjan van den Akker aus Maastricht nahm im März ihre Arbeit auf. Sie hat eine neu geschaffene Stiftungsprofessur für Multimedikation am Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität inne. Die Aufgabe der Niederländerin: die Versorgung mehrfacherkrankter Patienten sicherer zu machen. Sie gibt zu, dass „die komplexe Gesundheitssituation“ dieser Patientengruppe „auch Ärzte zuweilen überfordert“.

Verschiedene Studien zeigen, wie drängend das Problem ist. Die Hälfte aller über 65-Jährigen leidet laut Gesundheitssurvey an drei oder mehr chronischen Erkrankungen. Für jede Krankheit ist ein anderer Facharzt zuständig, der verordnet, was ihm für sein Fachgebiet sinnvoll erscheint – aber keiner hat den Überblick, wie die Autoren der „Leitlinie Multimedikation“ schreiben – und ein Beispiel nennen: „Ein Kopfschmerzpatient erhält vom Hausarzt Paracetamol, vom Neurologen ein Triptan, vom Orthopäden wegen Nackenschmerzen Diclofenac, vom Apotheker Ibuprofen, von der Nachbarin ,weil alles nicht hilft' ASS. Und dann kommt der Patient, der vielleicht Diabetiker ist und als Raucher Lungenprobleme hat, ins Krankenhaus und wird dort neu eingestellt.“

Durch jedes neu angesetzte Medikament steige das Risiko, heißt es in der Leitlinie weiter: „Bei der Einnahme von mehr als fünf Wirkstoffen ist nicht mehr vorhersehbar, was im Organismus an Wirkungen, Interaktionen und unerwünschten Nebenwirkungen passiert.“

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