Konzern statt Offizin | APOTHEKE ADHOC
Düsseldorf bildet Industrieapotheker aus

Konzern statt Offizin

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Berlin -

Nicht nur die Apotheken suchen händeringend nach Pharmazeuten, sondern auch die Industrie. Wer Pharmazie studieren, aber später nicht in der Apotheke stehen will, oder aber schon in der Apoptheke steht und sich beruflich neu orientieren will, kann deshalb seit vergangenem Wintersemester einen neuen Abschluss an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf erwerben: den Master in Industrial Pharmacy. Der Name täuscht nicht, von Bayer über Roche bis Novartis sind mehrere Industriegrößen an dem Studiengang beteiligt. Seit Montag kann man sich für den zweiten Jahrgang bewerben.

Ein „weltweit führendes Studienprogramm“ verspricht die Universität bereits jetzt. Der Studiengang decke „alle Aspekte pharmazeutischer Wissenschaft in einem industriellen Rahmen“ ab. Auf die Absolventen warte „eine Vielfalt aufstrebender Karrieren in der pharmazeutischen Industrie und angrenzenden Gebieten“. So können sie sowohl bei Arzneimittelherstellern als auch deren Zulieferern in der Arzneimittelforschung, -entwicklung und -produktion, Qualitätskontrolle, Qualitätssicherung und -management, in der Arzneimittelzulassung oder Anlagentechnik zum Einsatz kommen.

Zulassungsvoraussetzung ist jedoch, dass man bereits einen berufsqualifizierenden Abschluss in der Tasche hat, nachgewiesen entweder durch das zweite Staatsexamen in Pharmazie oder durch einen Bachelor in Pharmazie, Biologie, Chemie, Ingenieurswissenschaften mit Schwerpunkt Verfahrenstechnologie oder einem vergleichbaren Feld. Begonnen werden kann das Studium nur im Wintersemester, gibt es mehr Bewerber als Studienplätze, wird ein Auswahlverfahren durchgeführt.

23 Studierende sind derzeit eingeschrieben, 38 waren zum vergangenen Wintersemester zugelassen worden. Die Kapazitäten sind also noch nicht ausgelastet, laut Universität gibt es 40 Studienplätze. „Wir konnten vergangenen Sommer noch nicht so aktiv werben, wie wir gern gewollt hätten“, erklärt die zuständige Studiengangskoordinatorin und promovierte Pharmazeutin Tanja Knaab. „Deshalb waren wir überrascht, dass wir überhaupt so viele Bewerber hatten.“

Gesiebt wurde trotzdem, denn die Mindestnote zur Bewerbung liegt bei 2,5 – gibt es mehr als 40 Bewerber, erhalten die 40 besten einen Platz, der Numerus Clausus steigt dann entsprechend. Die Note gilt gleichermaßen für das zweite Staatsexamen und einen Bachelor in Pharmazeutischen Wissenschaften oder einem angrenzenden Fachgebiet. Hinzu kommt der Sprachnachweis: Für den englischsprachigen Studiengang braucht man ein TOEFL- oder ELTS-Zertifikat. Im nächsten Turnus dürfte die Auswahl auch etwas schwerer fallen: Seit dem 1. April kann man sich bewerben und es sind jetzt schon über 30 Bewerbungen eingegangen – nur zwei davon aus Deutschland.

„Wir wollen eine bunte Mischung an Studierenden haben“, betont Knaab. Und das habe im ersten Semester schon gut geklappt. So gebe es zum Beispiel neben einigen Studenten aus Köln, die direkt aus dem Bachelor Pharmazeutische Chemie nach Düsseldorf kamen, eine Apothekerin aus Syrien, die dort schon in der pharmazeutischen Industrie gearbeitet hat, sowie mehrere Studenten aus Bangladesch, die dort bereits für Arzneimittelhersteller gearbeitet haben. Nur ein bereits arbeitender Apotheker aus Deutschland sei zum Wintersemester zugelassen worden, habe sich aber nicht eingeschrieben.

So interdisziplinär wie die akademischen Hintergründe der Studierenden ist auch der Studiengang selbst. Er bedient sich einer „Reihe von Perspektiven aus unterschiedlichen Forschungsgebieten und führt sie mit Industrieerfahrung, Fallstudien, Projekten aus der Praxis und selbst durchgeführten Studien zusammen“, heißt es von der Uni. Die Absolventen werden demnach „mit dem Verständnis von Konzepten auf der Höhe der Zeit“ sowie von grundlegenden und fortgeschrittenen Technologien ausgestattet, um „wissenschaftlicher Forschung in industrielle Praxis umzusetzen“.

Der Studienplan orientiert sich dementsprechend auch eng an den Bedürfnissen der Industrie. So sind die fünf Pflichtmodule Arzneimittelentwicklung und -herstellung, Qualitätskontrolle und -management sowie Arzneimittelzulassung. Im Wahlpflichtbereich können sich die Studierenden dann spezialisieren: Die Wahl haben sie zwischen vertiefenden Modulen zur Arzneimittelentwicklung, medizinischer Chemie, pharmazeutischer Biotechnologie, pharmazeutischen Ingenieruwissenschaften, aber auch Statistik und Experimentdesign.

Gelehrt wird nicht nur von den Professoren, die auch die „normale“ Pharmazie unterrichten – unter anderem Dr. Jörg Breitkreutz, Dr. Holger Gohlke und Dr. Rainer Kalscheuer – sondern auch von Experten aus der Industrie. Denn die unterstützt den Studiengang nicht ganz uneigennützig: Bayer, Roche, Novartis und Grünenthal stehen auf der Fördererliste, genauso wie der Lohnhersteller NextPharma und das Drug Delivery Innovation Center, ein Gemeinschaftsunternehmen von Bayer, LB Bohle, Merck und UCB.

Rund 20 Gastdozenten aus ihren eigenen Reihen schicken die Unternehmen für den Studiengang an die Uni, darunter mit Dr. Kathrin Bartscher die Forschungschefin von NextPharma, mit Dr. Carsten Griebel den Leiter der chemischen Entwicklung von Grünenthal und mit Dr. Peter Serno der Wissenschaftschef von Bayer Healthcare. „Die externen Vortragenden aus der Industrie vertiefen vor allem die Inhalte aus den Vorlesungen in Form von Beispielen und Praxiswissen aus ihren Unternehmen“, erklärt Knaab. Außerdem arrangieren die Unternehmen Industrieexkursen für die Studierenden.

„Die Studierenden profitieren aber auch davon, dass sie die Möglichkeit erhalten, ihre Masterarbeiten direkt in den Unternehmen zu schreiben“, so Knaab. Finanzielle Unterstützung aus der Industrie erhält die Uni nach eigenen Angaben hingegen nicht. Für die Unternehmen dürfte es sich lohnen, Personal an die Uni zu schicken und Studierende zu sich einzuladen. Die Beziehungen in den Studiengang sind eine vielversprechende Maßnahme zur Rekrutierung von dringend benötigten Fachkräften – überzeugen, in die Industrie statt die Vor-Ort-Apotheke zu gehen, müssen sie die Studenten dabei auch nicht mehr.

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