Pharmazeutin verlässt Boehringer

Lieber eigene Apotheke als Industriekarriere

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Berlin -

Dr. Juliane Alexander ist beruflich einen Schritt gegangen, der viele erstaunt. Die Apothekerin verließ den Pharmakonzern Boehringer Ingelheim, kündigte eine Führungsposition und übernahm eine Vor-Ort-Apotheke. Seit einem Monat ist sie ihre eigene Chefin.

Schon beim Studium stand für Alexander fest, dass sie in die Forschung gehen will. „Ich habe Pharmazie studiert, um niemals in die Apotheke zu gehen“, sagt sie. Nach der Approbation folgte die Promotion im Bereich pharmazeutische Technologie und der Einstieg bei Novartis. Sie war als Projektleiterin in der Produktion tätig. Ein „super spannendes und geniales Feld“. 2006 folgte der Wechsel zu Boehringer Ingelheim, zunächst war sie dort als Projektleiterin im Bereich der Spätphasen-Entwicklung von Produkten zuständig. 2013 folgte die Gruppenleitung, 2020 übernahm sie die ganze Abteilung. Eines ihrer zahlreichen Produkte war das wiederverwendbare Respimat.

Produktion ist kein 9-to-5-Job

„Ich wollte immer naturwissenschaftlich arbeiten“, sagt sie. Die Arbeit in der Industrie mit dem Team erfüllte sie. Auch wenn es mitunter anstrengend zuging: Die Entwicklung neuer Produkte sei mit viel Nachtschichten, Reisen und Arbeiten am Stück verbunden. Mit dem vermeintlichen Industriebonus – der geregelten Arbeitszeiten – habe die Zeit nichts zu tun gehabt. „Je anspruchsvoller der Job ist, desto weniger ‚9-to-5-Job‘ ist es. Ich hatte das in meiner gesamten Boehringer-Zeit nie.“ Dazu kämen die Rückschläge, die man verarbeiten müsse. „Meistens geht es schief, wenn man etwas das erste Mal macht.“

Dennoch schaffte es Alexander, Karriere und Familie zu verwirklichen. „Ich war die erste Gruppenleiterin und Abteilungsleiterin in Teilzeit“, sagt die Mutter von drei Kindern. Mit Hilfe einer guten Tagesmutter, die sie seit mehr als 13 Jahren begleite, sei beides möglich gewesen. Auch ihr Mann ist in einer Führungsposition tätig: Er ist Inhaber von zwei Vor-Ort-Apotheken. Ab und an half sie in den Betrieben aus.

„Apotheke ist gar nicht so schlecht“

2020 musste sie sich wegen eines Notfalls von ihrer Arbeit freistellen lassen, um in der Apotheke mit anzupacken. Denn ihr Mann bildete wie viele Kolleg:innen zwei Teams, um bei einer Covid-19-Infektion im Team den Betrieb mit Team B aufrechterhalten zu können. Als eine Apothekerin wegen eines Armbruchs ausfiel, sprang Alexander für drei Wochen ein. „Die Arbeit hat mir richtig Spaß gemacht“, sagt die Industrie-Apothekerin und fügt hinzu: „Das war gar nicht so schlecht.“

Dann kam eines zum anderen: Sie erhielt über einen befreundeten Apothekeninhaber das Angebot, die Rats-Apotheke in Laupheim zu übernehmen. Er gab aus Altersgründen ab. „Es war das richtige Objekt zur richtigen Zeit“, sagt Alexander. „Am schwersten war die Entscheidung, von Boehringer wegzugehen.“ Sie habe es ihrem Chef rechtzeitig mitgeteilt, um noch einen Nachfolger finden und diesen einarbeiten zu können.

Anfang Januar verließ sie die Industrie und ließ sich zunächst in der Rats-Apotheke anstellen – um Prozesse, Abläufe und das Team kennen zu lernen. Seit April führt sie den Betrieb – und ist jetzt für zehn statt für 25 Mitarbeiter:innen verantwortlich. Die Arbeit macht ihr Spaß. „Ich genieße den direkten Kontakt zu den Kunden sehr“, sagt sie. Auch die Bürokratie schreckt sie nicht ab. „Das ist in der Industrie im GMP-Bereich nicht anders und auch überbordend, alles wird dokumentiert.“ In der Apotheke könne sie sich ihren Tag auch nicht freier einteilen, als in der Industrie. Aber: „Ich bin mein eigener Herr.“

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