Phagomed: Deutscher Arzt will Antibiotika durch Viren ersetzen | APOTHEKE ADHOC
Antibiotikaresistenz

Phagomed: Deutscher Arzt will Antibiotika durch Viren ersetzen

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Berlin -

Multiresistente Keime (MRSA) gelten als eine der größten globalen Bedrohungen unserer Zeit. Die Zahl der Bakterien, die gegen jegliche Antibiotika immun sind, steigt. Es müssen also neue Lösungen her. Der deutsche Arzt Burkhard Wippermann sieht eine solche Lösung in sogenannten Bakteriophagen. Investoren und Preise hat Wippermanns Unternehmen Phagomed schon, nun muss es seine Virencocktails noch auf den Markt bringen. Übernächstes Jahr soll es damit losgehen.

Nicht alles, was revolutionär klingt, ist neu. Bakteriophagen beispielsweise wurden schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Bekämpfung von Keimen eingesetzt, verloren mit Einführung der Breitbandantibiotika ab den 1940er-Jahren aber zunehmend an Bedeutung. Denn während man je nach Bakterienstamm unterschiedliche Phagen braucht, räumen Breitbandantibiotika einmal komplett auf – theoretisch zumindest. Denn seit Jahren wächst die Zahl der multiresistenten Keime, ohne dass es schon umfassende Alternativen zu den nicht mehr wirksamen Antibioitika gäbe. Konsequenz sind allein in Europa 33.000 Tote jährlich.

Wippermann will das ändern. Der Chefarzt an der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Helios Klinikum Hildesheim behandelt schon seit fast 20 Jahren Patienten mit Bakteriophagen, wenn Antiobiotika nicht mehr weiterhelfen. Bisher ist das jedoch stets eine rechtliche schwierige Situation, da es noch kein Zulassungsverfahren für die Anwendung beim Menschen gibt. Deshalb gründete er 2017 zusammen mit seinem Schwiegersohn Alexander Belcredi und dessen Bekannten Lorenzo Corsini, die beide für die Boston Consulting Group Pharmaunternehmen berieten, das Unternehmen Phagomed Biopharma mit Sitz in Wien.

„Seine positiven Behandlungserfahrungen haben uns motiviert, der Frage nachzugehen, warum die Phagentherapie in der westlichen Medizin derzeit noch nicht breiter eingesetzt wird“, zitiert das Fachportal „Laborjournal“ Belcredi und Corsini. „Die Aussicht, vielen Menschen helfen zu können, bei denen verfügbare Antibiotika nicht mehr wirken, hat uns auch motiviert, unsere Jobs zu kündigen und PhagoMed zu gründen.“

Übernächstes Jahr wollen sie die erste klinische Studie starten, bis 2030 wollen sie in verschiedenen Anwendungsgebieten zusammen bereits über 800 Millionen Euro umsetzen, wie sie dem Wirtschaftsmagazin Brand Eins erklärten. Insbesondere auf Blasen-, Hüft- und Knieoperationen, Herzschrittmacher, Katheter und andere Medizintechnik haben sie es abgesehen, denn bei diesen Eingriffen bildet sich oft ein sogenannter Biofilm, in dem besonders viele Bakterien resistent gegen Antibiotika und das körpereigene Immunsystem sind.

Gerade hier bilden Bakteriophagen eine sinnvolle Alternative, da sie in der Lage sind, mittels Enzymen den Biofilm abzubauen und die multiresistenten Keime zu töten. Nicht einmal drei Prozent der Bakterien im Biofilm kann man im Schnitt mit gängigen Antibiotika vernichten. In einer kombinierten Anwendung aus Bakteriophagen und Antibiotika konnte Phagomed bereits Erfolge von 97 Prozent erzielen.

Phagen wirken stammspezifisch. Erkennen sie ein „passendes“ Bakterium, lysieren sie es: Sie injizieren ihre DNA in die Wirtszelle, die daraufhin neue Phagen produziert und platzt. Das heißt aber auch, dass verschiedene Virenkombinationen für unterschiedliche Keime isoliert werden müssen. Drei Kandidaten treibt Phagomed derzeit voran. Und die Konkurrenz schläft nicht, laut Brand Eins gibt es weltweit bereits vier Ausgründungen, die aus Bakteriophagen Arzneimittel entwickeln wollen. Hinzu kommen andere Geschäftsmodelle wie Blaues Plasma von Coldplasmatech, die mit neuen Ansätzen multiresistente Keime bekämpfen. Außerdem kann man Viren als Naturprodukte nicht patentieren lassen. Patente würden als Anfangsschutz aber ohnehin überbewertet, sagt Belcredi: „Man kann genügend andere Schutzzäune etwas für den Herstellungsprozess errichten.“

Mit Blick auf die klinischen Studien geben sich die Gründer sehr optimistisch. Nicht nur hätten die Zulassungsbehörden sich bereits vielversprechend geäußert, auch das Nebenwirkungsprofil scheint vielversprechend: Es sind keine bekannt. Vor allem in den Staaten des ehemaligen Ostblocks wurden und werden Phagen teils jahrzehntelang angewendet, um den Mangel von aus dem Westen importierten Antibiotika auszugleichen, ohne dass ernsthafte Nebenwirkungen bekannt seien. „Das größte Risiko für Arzneien ist, am Ende wegen inakzeptabler Nebenwirkungen durchzufallen. Dieses Risiko haben wir nicht“, sagt Corsini.

Investoren und Jurys konnten er und seine Kollegen jedenfalls schon überzeugen. In einer ersten Finanzierungsrunde konnte Phagomed vergangenen Sommer vier Millionen Euro einsammeln, unter anderem von der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft und der Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft. Auch renommierte Preise haben sie bereits eingeheimst: Im März den Award für das beste Geschäftskonzept auf der Berlin Conference on Life Science und im Dezember den österreichischen Gründerpreis Phönix, was fast schon symbolisch klingt: Denn geht es nach Phagomed, steigt die fast vergessene Therapie bald auf wie der Vogel aus der Asche.

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