Beratungsgespräche

Müdemacher fürs Kind: „Ich bin keine Rabenmutter!"

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Berlin -

„Haben Sie Fenistil Tropfen vorrätig? Oder Vomex Zäpfchen?“ Vor Anja Alchemilla steht eine sehr gestresst und übermüdet wirkende Frau, die am Griff des Kinderwagens schaukelt, damit das kleine Kind darin nicht aufwacht. Anja ahnt, dass die Dame weder von einer Allergie geplagt wird, noch dass sie ein Magen-Darm-Virus ereilt hat.

„Darf ich fragen, für wen und gegen was das Medikament sein soll? Je nach Alter gibt es verschiedene Darreichungsformen und Stärken. Außerdem darf eine stillende Mutter auch nicht alles einnehmen.“

„Ach... nur so... für die Hausapotheke. Müssen Sie das alles überhaupt wissen?“ Bei der Kundin scheint so etwas wie Kampfgeist zu erwachen. Die Situation bedarf nun Fingerspitzengefühls, sonst ist die Dame weg und bestellt sich die ganzen frei verkäuflichen Dinge im Internet. Und den Verkäufern dort ist es schnuppe, ob vielleicht damit „nur“ der Säugling ruhig gestellt werden soll.

„Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen eine Beratung bei uns im Beratungsraum anbieten. Dort ist es ruhiger und Ihr Baby wacht nicht so schnell auf.“ Zum Glück nickt die Kundin zustimmend und folgt Anja mit dem Kinderwagen. In der Abgeschiedenheit des Ruheraumes bricht sie in Tränen aus, als Anja sie vorsichtig fragt, ob sie genug Schlaf bekommt, weil sie so müde aussieht. Sie hat in einem „Mama-Forum“ im Internet gelesen, dass der Saft und die Zäpfchen viele Babys müde machen und sie wollte es einfach einmal versuchen, um endlich selbst einmal wieder länger als drei oder vier Stunden am Stück Schlaf zu bekommen.

„Ich bin keine Rabenmutter! Ich kann aber einfach nicht mehr. Der Kleine weint und weint den halben Tag und die halbe Nacht und ich finde einfach keine Ruhe mehr. Ich bin am Ende und meine Hebamme kommt auch nicht mehr, weil die Krankenkasse sie nur für ein paar Wochen bezahlt. Sie hatte immer gute Tipps. Bitte. Ich brauche diese Zäpfchen, sonst weiß ich nicht, wie ich diese Woche überstehen soll. Mein Mann ist seit zwei Wochen auf Montage und ich habe hier niemanden, der mir den Kleinen abnehmen kann.“

Anja versteht die junge Mutter nur zu gut – auch ihr Kind war mit ein paar Monaten für sie trotz all der Freude auch eine große körperliche und seelische Belastung. Sie klärt die verzweifelte Kundin darüber auf, dass solche Medikamente den natürlichen Schlafrhythmus unterbinden und zu erhöhter Tagesmüdigkeit und damit zu einem allgemein noch unzufriedeneren und quengeligeren Kind führen. Außerdem sind die Nebenwirkungen der „Schlafmittel“ nicht zu unterschätzen, denn eine Atemdepression beim Säugling kann extrem gefährlich werden. Sie empfindet es grundsätzlich als den falschen Weg, dem Kind in solch einem Fall irgendetwas zu verabreichen, der Mutter selbst sollte geholfen werden. Das können die Experten der Schreiambulanzen am besten. Diese gibt es überall in Deutschland verteilt und unter der Website elterngeld.de/schreiambulanzen/ nach Postleitzahl sortiert. So hilft sie ihrer Patientin, eine kostenfreie in der Nähe herauszusuchen.

Als die etwas getröstete Jungmama die Apotheke verlässt, ist Anja erleichtert. Gut, dass die Dame so viel Vertrauen zu ihr als Apothekerin hatte, dass sie sich ihren Rat zu Herzen genommen hat. Apotheken sind eben doch mehr als reine Medikamentenausgabestellen, sondern haben eine wichtige Beratungsfunktion. Auch wenn sie in diesem Fall kein Geld eingenommen hat, ist die Filialleiterin zufrieden mit dem Verlauf der letzten halben Stunde. Denn den Menschen zu helfen können, ist genau der Grund, warum sie ihren Beruf so liebt.

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