Pharmaziestudium

Erstis in der Famulatur: „Wenigstens mussten wir die Zeit nicht absitzen“

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Berlin -

Das erste Semester ist geschafft, die Erstis sind also keine mehr – oder? „Mir wurde gesagt, wir sind so lange Erstis, bis es neue Erstis gibt“, kommentiert Paul Wohlgemuth. Die zweite Runde hat er bereits erfolgreich eingeläutet, er wirkt entspannter als vor einem halben Jahr. Bevor es wieder an die Uni ging, musste jedoch der erste Praxiseinsatz bewältigt werden: die Famulatur.

Der Begriff Famulatur kommt vom lateinischen famulus: „Gehilfe, Diener“. Und genau das sind Famulanten für viele Apotheken auch, ist sich Paul sicher. „Für manche Apotheken sind Famulanten nur billige Arbeitskräfte“, sagt er. „Theorie und Praxis gehen da so weit auseinander, dass man nur noch lachen kann.“ Denn laut Approbationsordnung sollen die acht Wochen Famulatur vor dem ersten Staatsexamen dazu dienen, sich Organisation, Betriebsabläufen, Rechtsvorschriften und praktischen pharmazeutischen Tätigkeiten vertraut zu machen.

Bevor ein falscher Eindruck entsteht: Die Greifenstein-Apotheke im sächsischen Thum habe ihm genau diese Einblicke ermöglicht, betont er. „Es war wirklich sehr schön dort, ich wurde direkt in das Team integriert“, erzählt Paul. Die kleine Dorfapotheke besteht aus drei Approbierten und sieben PTA, einer der Approbierten ist als Nachfolger von Inhaberin Marion Liegmann gesetzt. Und das kleine Team hat sich ihrem Famulanten offenbar mit Herzblut gewidmet. „Der junge Apotheker, der den Betrieb einmal übernehmen will, hatte da richtig Bock drauf. Er hat sich sehr gut vorbereitet und konnte mir wirklich jede Frage beantworten“, schwärmt er.

Vom Wareneingang bis Handverkauf und Beratung konnte er überall als Zaungast teilhaben und sich etwas abschauen. Selbst in betriebswirtschaftliche Interna hat er Einblick erhalten. „Ich konnte an den Betriebsbesprechungen teilnehmen, in denen wir uns über neue gesetzliche Regelungen, Änderungen bei Impfstoffen, neue Produkte und dergleichen ausgetauscht haben.“ Die Inhaberin habe sich sogar die Zeit genommen, ihm Gewinnstruktur, Einkauf und Verkauf oder die Bandbreite der Dokumentationen von BtM- bis Sonderdokumentation zu erläutern. „Man hat mir dort den Apothekenalltag nahegebracht und sehr viele nützliche Tipps gegeben“, resümiert er.

„Vier Wochen nach dem ersten Semester bringen einfach nichts – das einzige, was dabei rumkommt, ist eine kostenlose Arbeitskraft“, sagt hingegen Anne Brechlin. Ihr Alltag in der Potsdamer Aporot-Horus-Apotheke bestand vor allem aus Regalen: „Ich habe dort zusammen mit einer anderen Famulantin das gesamte Lager umgestaltet und die Produkte neu sortiert – flüssig zum Schmieren, flüssig zum Einnehmen, Tabletten, Kapseln...“ So schlimm, wie es vielleicht klingen mag, sei es aber nicht gewesen. „Das Lager umzuräumen hat mir gefallen, weil ich ein Ordnungsfreak bin. Ich glaube, andere Leute hätte es mehr gestört als mich.“

Und ganz so eintönig war es dann doch nicht, denn immerhin ist sie gut rumgekommen. „Ich habe viele Botendienste gemacht, das fand ich gut, weil ich dadurch Potsdam kennengelernt habe.“ Weniger kennengelernt hat sie hingegen das Labor – dort hat sie nämlich mangels Einweisung nicht gearbeitet. Dass sie als Famulantin vor allem einfache Hilfstätigkeiten übernommen hat, will sie dem Apothekenteam aber gar nicht übelnehmen. „Die hatten wirklich unglaublich viel zu tun dort, deshalb kann ich das gut verstehen. Ich habe alle meine Kollegen dort wirklich gern gemocht.“ Auch dass sie nicht im Labor arbeiten konnte, mache ihr nichts aus. „Das war nicht schlimm, Labor ist eh nicht mein Ding.

Ganz anders Paul, der bekennende Laborliebhaber. Er hatte – aus seiner Perspektive – mehr Glück: „Ich durfte da schon relativ viel mit machen und konnte den PTA beispielsweise bei den Rechnungen für die Rezepturen helfen.“ Zusammengemischt wurden unter anderem eine Dronabinol-Zubereitung für einen jugendlichen Patienten mit Epilepsie oder L-Polamidon für die Heroin-Substitution – ein bleibender Eindruck für den angehenden Apotheker. L-Polamidon ist ein Methadon-Analogon, das gegeben wird, um die Entzugserscheinungen zu lindern. „Damit es nicht missbraucht wird, musste es so zubereitet werden, dass man es nicht spritzen kann. Deshalb haben wir mit einem viskosen Gel die Dichte erhöht, sodass es extrem schmerzhaft wäre, sich das zu spritzen.“ Die Patientin, die es erhalten hat, musste die erste Dosis unter Sichtkontrolle in der Offizin zu sich nehmen.

Überhaupt sei ihm die Rolle der Patienten in Erinnerung geblieben. „Mir ist stark aufgefallen, dass die Apotheker dort sehr viel Wert darauf gelegt haben, dass die Patienten im Vordergrund stehen und es ihnen gut geht“, erklärt er. „Es ging da nie primär ums Geld.“ Außerdem habe ihn gewundert, wie viel Rücksprache mit Ärzten und Patienten gehalten wurde. „Ansonsten hat mich aber nicht viel überrascht, die Arbeit in der Apotheke kannte ich ja schon.“

Dennoch: Seine Einstellung zur Offizin hat sich durch die vier Wochen gewandelt. „Die Famulatur hat mich dazu gebracht, dass ich die Arbeit in der öffentliche Apotheke viel positiver sehe. Ich dachte vorher, das wäre mir vielleicht zu langweilig, vielleicht gehe ich doch eher in die Industrie – das sehe ich jetzt anders.“

Vorzeichen umgedreht – und schon hat man Anne: „Dass man nach der Famulatur nicht schreit, ‚Ich will unbedingt Apotheker werden!‘, war mir auch vorher klar“, sagt sie. An ihrer Entscheidung, einmal in der Offizin arbeiten zu wollen, habe das aber nichts geändert. „Wenigstens mussten wir die Zeit nicht absitzen.“

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