Eine Schmuckstück-Offizin an der Ostsee | APOTHEKE ADHOC
Urlaubsapotheke

Eine Schmuckstück-Offizin an der Ostsee

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Berlin -

Zum Touristenmagneten hat sich die Detharding-Apotheke in Warnemünde gemausert. Das verdankt sie der Außenfassade im Bauhaus-Stil und vor allem der kostbaren Hinter-Glas-Malerei eines renommierten DDR-Künstlers in der Offizin. Zum 50. Jubiläum lässt die heutige Besitzerin Siglinde Lindauer die wechselvolle Geschichte Revue passieren.

Gegründet wurde die Apotheke bereits 1853 in der Alexandrinenstraße. 16 Jahre später zog sie zu einem von der Lage her günstigeren Standort. Nach der Straße Am Strom benannte sich auch die Apotheke und ging hier ihrer Geschäfte nach, bis sie 1959 von der Baupolizei geschlossen wurde. Danach wurde sie provisorisch im Ledigenwohnheim der Warnow-Werft untergebracht. Die Arbeitsbedingungen waren katastrophal. „Die Apotheke produzierte hier Zäpfchen, Salben, Hustensäfte, Magenmixturen und Tropfen jeglicher Art“, erzählt Lindauer. „Die Tablettenproduktion wurde in die Räumlichkeiten eines Malermeisters ausgelagert.“ Das Provisorium hielt neun Jahre an.

Der damalige Kreisapotheker Dr. Hans Feldmeier (heute 94) machte sich für einen Neubau stark. „Er hat auch dafür gesorgt, dass die Apotheke einen schönen Standort direkt am Kirchenplatz bekam. Der Pastor musste dafür etwas von seinem Grundstück abgeben.“ Eine der Produktionsetagen sollte ursprünglich in den Keller verlegt werden. „Doch die Bodenverhältnisse waren dafür nicht geeignet. Das war unser Glück. Das dreistöckige Haus wurde auf Pfähle gestellt und im Bauhaus-Stil erbaut.“ Zu ihrer Einweihung im Juni 1968, pünktlich zum 750. Rostocker Stadtjubiläum, galt die Detharding-Apotheke als Vorzeigeobjekt. Einzigartig ist ihre große Fensterfassade mit in die Scheiben geätzten Ornamenten. Sie ersetzte das übliche Schaufenster. Nicht ohne Hintersinn, erläutert die heutige Besitzerin: „So umging es die Apotheke, dem Staat zum 1. Mai und zum Republikgeburtstag am 7. Oktober huldigen zu müssen.“

Später versorgte sie längst nicht nur mehr die eigenen Kunden. „Weil die Industrie nicht liefern konnte, haben wir Ersatzprodukte hergestellt“, erzählt Lindauer. „Unsere zentrale Zäpfchenproduktion belieferte alle Rostocker Apotheken. Mitte der 80er-Jahre waren es fast 500.000 Stück pro Jahr.“ Als Großapotheke hätten sie dann alles gebunkert, was auf dem knapp versorgten Markt zu kriegen gewesen sei. Auch davon hätten die Kollegen in der Stadt profitiert. Bis zu 27 Mitarbeiter arbeiteten in DDR-Zeiten hier.

Nach ihrem Studium in Greifswald und beruflichen Stationen in Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) und einigen Rostocker-Apotheken kam Lindauer 1988 in die Apotheke. Als die Apothekenleiterin Dr. Sigrid Träber ein Jahr später in Rente ging, wurde sie ihre Nachfolgerin. Damals sei der Sozialismus schon langsam zur Neige gegangen. „Mit der Wende und der Wiedervereinigung kamen die Medikamente in Überfluss von den Pharmaunternehmen aus dem Westen.“ Die Eigenproduktion entfiel damit weitgehend. Heute komme man noch auf etwa zwei Rezepturen am Tag, so Lindauer. Zu DDR-Zeiten sei die Apotheke eine reine Arznei- und Verbandsmittelstelle gewesen. „Ein Nebensortiment galt damals als unwürdig“, sagt die heutige Chefin. Sie kaufte die Apotheke, zollte den veränderten Umständen Rechnung. Gemeinsam mit vier Ärzten unterzog sie das Haus einem aufwändigen Umbau. „Wir sind als Apotheke auf 190 Quadratmeter geschrumpft.“

Dafür kann sie mit der Offizin ein Schmuckstück vorweisen, nicht zuletzt dank der kostbaren Hinter-Glas-Bilder von Wilhelm Mandel. Sie wurden vom Rostocker Apothekenwesen in Auftrag gegeben und entstanden 1975 im hauseigenen Labor. Die sieben Motive zeigen Stationen der Apothekengeschichte. Zunächst verdeckten die an den hinteren Fenstern angebrachten Bilder den Blick in den hässlichen Innenhof. Nur vormittags brachte die Sonne die prächtigen Farben zum Leuchten. Bei einem Umbau integrierte Lindauer die Kunstwerke in die Offizin und führte sie so näher an den Kunden heran. Dank einer künstlichen Hintergrundbeleuchtung strahlen die Bilder jetzt praktisch rund um die Uhr. Doch immer wenn eine Leuchtstoffröhre gewechselt werden müsse, werde sie leicht nervös. „Hoffentlich passiert dem Bild nichts, denke ich dann jedes Mal.“

Da im täglichen Geschäft wenig Zeit bleibt, über die Kunstwerke zu plaudern, hat Lindauer vor acht Jahren ein kleines „Hörbuch“ erstellen lassen. „Gerade mal zehn Minuten Zeit muss man mitbringen, es sich in einem unserer beiden Sessel bequem machen, den Kopfhörer aufsetzen und den MP3-Player anschalten“, erläutert sie. Die Hörer erwartet eine spannende Zeitreise vom Jahr 300 nach Christus über Mittelalter und Renaissance bis in die neuere Zeit. Der Schauspieler Achim Wolff liest Mandels Erklärungen zu den Bildern, seine Kollegin Rita Feldmeier die Erläuterungen der Inhaberin zu den umrahmenden Heilpflanzen.

Der Verkaufsraum hat sich so zum begehrten Fotoobjekt der vor allem zwischen Mai und September reichlich herein strömenden Touristen. Der Rostocker Meeresstadtteil gilt als Deutschlands bedeutendster Kreuzfahrthafen. Zu den Event-Highlights zählen die Warnemünder Woche und die Hanse Sail. Dann zieht es jeweils etwa eine Million Touristen in die Stadt. „Im Sommer ist hier ganz schön was los“, berichtet die Apothekerin. Fast 200 Schiffe laufen hier dann im Laufe der Monate ein. „An manchen Tagen können wir uns vor Arbeit kaum retten.“ Die sechsköpfige Belegschaft werde dann mitunter verstärkt durch eine „schnelle Einsatztruppe“, berichtet die Apothekerin. „Das sind zwei Angestellte, die lange hier gearbeitet haben und jetzt in Rente sind.“

Auch bei Pharmaziepraktikanten sei die Apotheke dann sehr begehrt. „Sie können ihre Fremdsprachenkenntnisse unter Beweis stellen.“ Von allem Stress in der warmen Jahreszeit lasse sich das Team nicht beirren: „Wir haben hier ein sehr angenehmes Arbeitsklima.“ Im Winter sei es oft sehr ruhig, sagt die Inhaberin. Dann lebe die Detharding-Apotheke vor allem von der einheimischen Bevölkerung.

Ihren 50. Geburtstag feierte die Apotheke mit einer Festwoche, diesmal pünktlich zum 800. Stadtjubiläum. Eigens aufgelegt wurde eine Broschüre zur Geschichte. Ihr neu erworbenes Wissen konnten die Leser dann gleich in einem von Apothekerin Eva Wolff ersonnenen Kreuzworträtsel testen, bei dem es 50 Preise zu gewinnen gab. Lindauer denkt noch lange nicht ans Aufhören. Sie freut sich, die Warnemünder gemeinsam mit ihrem Team auch künftig mit ihrer pharmazeutischen Kompetenz zu betreuen: „Das ist ein netter Menschenschlag, das Arbeiten macht Spaß hier.“

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