Apothekenprojekt

Ein Sternenstab für Barrierefreiheit

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Berlin -

Eine barrierefreie Grundversorgung wollen Christian und Miriam Ude gewährleisten. Doch auf die eigenen vier Offizinwände beschränkt sich ihr Engagement nicht: Beherzt unterstützt das Apothekerpaar die Gründung einer Stiftung, die Inklusionsprojekte dauerhaft sichern soll.

In der Stern-Apotheke hat Christian Ude alle Hierarchiestufen durchlaufen: „Ich fing hier 1997 als Schülerpraktikant an, arbeitete hier während meines Studiums und als PhiP und seit 2011 als Angestellter“, erzählt Ude. „Zwei Jahre später habe ich die Apotheke gemeinsam mit meiner Frau Miriam gekauft.“ Von Anfang an hätten sie hier nicht nur Medikamente verkaufen und die Patienten beraten wollen: „Eine Apotheke hat viel mit Nachhaltigkeit und Verantwortung zu tun“, findet Ude. „Die Stern-Apotheke versteht sich als Gewerbebetrieb mit sozialem Verstand. Wir haben zum Glück selbst drei gesunde Kinder. Umso wichtiger finde ich es, sich für behinderte Mitmenschen einzusetzen.“

Sein Ideal sei eine barrierefreie Grundversorgung, so Ude. Zwar versperren drei hohe Stufen für Rollstuhlfahrer den direkten Zugang zur Offizin, dafür ist eine Klingel installiert, die hilfreiches Personal herbei holt. Große Preisschilder machen die Preise auch für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen erkennbar. Auch einen Lieferservice halten die Udes vor.

Nicht gar so großen Erfolg hatten sie mit einer Sprechstunde speziell für gehörlose Patienten. Zu einem festen Termin im Monat stand ein Gebärdensprachdolmetscher bereit. „Das fanden alle toll, aber die Zielgruppe hat es nicht verstanden“, räumt der Apotheker ein. „Ich habe in dieser Zeit ganz viel über Gehörlose gelernt, sie leben sehr zurückgezogen und in ihrer eigenen Gemeinschaft. Da muss viel Vermittlungsarbeit geleistet werden. Derzeit ist das Projekt gerade in der Evaluierungsphase.“

Doch nicht nur in seinem eigenen Betrieb hält das Apothekerpaar den Inklusionsgedanken hoch. Die beiden unterstützen die Idee einer Stiftung, die entsprechende Projekte in ihrer Stadt dauerhaft finanzieren soll. „Darmstadt ist da schon sehr gut aufgestellt“, findet Christian Ude. So gebe es mit dem ZwischenRaum bereits ein Café, in dem sich Behinderte und Nichtbehinderte begegnen können.

Mit einer komfortablen Grundausstattung von einer Million Euro soll die Davin-Stiftung an den Start gehen. Ihr Name erinnert nicht von Ungefähr an Leonardo da Vinci. Der italienische Künstler und Erfinder schuf eine Brücke aus Einzelteilen, die ohne Hilfsmittel zusammengesteckt und -geflochten werden und überall auf- und wieder abgebaut werden kann. Die „Davin-Brücke“ steht für eine gegenseitige Unterstützung und eine Überwindung von Barrieren zwischen Menschen. Die symbolische Brücke besteht aus 100 schlichten Holzbalken, die von Künstlern, Politikern und Unternehmern nach ihrem eigenen Vorstellungen individuell bemalt wurden. Jeder Balken ist 10.000 Euro wert, so entschied es das Projektteam.

Die ersten fünf Balken (und damit 50.000 Euro) kamen von fünf Großspendern, darunter der örtlichen Sparkasse. Doch ihren Beitrag kann (und will) die Stern-Apotheke nicht allein stemmen. Für ihren eigenen, dem Namen entsprechend mit silbergrauen Sternen bemalten Baustab geht sie den Crowdfunding-Weg.

„Eine Apotheke spricht sehr unterschiedliche Teile der Gesellschaft an“, sagt Christian Ude. „Viele Menschen, die sich für das Projekt womöglich begeistern ließen, haben von seiner Existenz noch nie etwas gehört.“ Um die Davin-Stiftung bekannter zu machen, räumten die Udes zwei Apothekenschaufenster für das nächste Vierteljahr frei.

Doch das ist der Anfang. Noch im Juli soll ein Akquiseplan stehen, wie weitere Spendengelder gewonnen werden können. Ude will mit gutem Beispiel vorangehen: „Die Vorträge für meine Kunden sind normalerweise gratis, ich werde da aber eine Spendendose aufstellen.“ Auch die Honorare für Referate bei Ärztefortbildungen oder Abendveranstaltungen von Apothekerkammer und -verband will er weitergeben. Selbst eine Fahrt mit Freunden zu einer Weinverköstigung soll für die Spendenwerbung genutzt werden. „Ich werde dann einen Hut aufstellen.“ Sie seien guter Hoffnung, bis zum Jahresende das Geld für ihren persönlichen Baustab beisammen zu haben, bekräftigt Ude. „Den legen wir uns dann symbolisch unter den Weihnachtsbaum.“

Auch in den eigenen vier Wänden gelingt den Udes die Inklusion – hier von Kindern in den Beruf. Ihre Zwillinge seien mittlerweile viereinhalb Jahre, der kleinste Sohn acht Wochen alt. „Wir teilen uns die beiden ‚Familienbetriebe‘“, berichtet Christian Ude. „Mal geht der eine in die Apotheke und der andere bleibt zuhause und umgekehrt. So lässt sich die Apotheke gut mit der Familie vereinbaren.“

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