Magdeburg

Den Kiez retten mit Barrierefreiheit

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Berlin -

Der Magdeburger Apotheker Torsten Heimann wurde mit einem Award für Barrierefreiheit ausgezeichnet. Nicht jedoch von einem Verband körperlich Beeinträchtigter, sondern von einem örtlichen Zusammenschluss Gewerbetreibender. Denn die Barrierefreiheit in der Apotheke nützt nicht nur Menschen, die schlecht zu Fuß sind, sondern dem ganzen Stadtteil – indem er dessen Attraktivität steigert und so dafür sorgt, dass nicht der gesamte Publikumsverkehr in gesichtslose Einkaufszentren abwandert.

Weihnachtszeit ist Einkaufszeit. Idealerweise geht man in der Stadt bummeln, lässt sich von all den fröhlich geschmückten Geschäften inspirieren, für welche Geschenke oder Anschaffungen man sein Salär unters Volk bringen will. Tatsächlich aber hechten die meisten Deutschen um den 20. Dezember nach der Arbeit ins Einkaufszentrum und quetschen sich in einem der ewig gleich aussehenden Systemgeschäfte durch die Schlange, um ein 20-Prozent-Sonderangebot abzugreifen, das man den Lieben dann unter die Tanne legt. Die Fußgängerzonen leiden darunter – das ist seit langem bekannt. Da jedoch von der großen Politik dahingehend wenig zu erwarten ist, braucht es Graswurzelarbeit, um zu verhindern, dass die deutschen Innenstädte zu Discounter-Monokulturen verkommen.

In Sudenburg zum Beispiel, einem Stadtteil südwestlich der Magdeburger Innenstadt. Mit der Halberstädter Straße beherbergt er eine der längsten Einkaufs- und Dienstleistungsstraßen der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt. An sich hat die Gegend gute Voraussetzungen, der demographische Wandel hier verläuft – anders als in den meisten Städten im Osten der Republik – eher zugunsten der Ansässigen. „Das ist ein sehr bunter Stadtteil. Wir haben hier viele Studenten, aber auch viele junge Familien“, weiß Apotheker Torsten Heimann, der seine Offizin auf der liebevoll „Halber“ genannten Straße hat.

Seit 23 Jahren ist der gebürtige Zwickauer Inhaber der Sudenburger Apotheke und er fühlt sich hier wohl. „Sudenburg ist einer der lebenswertesten Stadtteile Magdeburgs“, findet er. Doch auch hier sieht es nicht viel anders aus als in anderen deutschen Fußgängerzonen. „Durch die Centerbildung geht der Kleinhandel kaputt und da wollen wir gegensteuern, indem wir versuchen, die Attraktivität der Gegend weiter zu gewährleisten“, erklärt Heimann. Deshalb haben sich die Einzelhändler zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, um gemeinsam ihren Kiez attraktiv zu machen. „Wir Gewerbetreibenden halten da zusammen.“

„Wir begrünen hier die Straßen, organisieren einen sehr schönen Weihnachtsmarkt, aber auch ein Straßenfest im Sommer“, erklärt er die soweit typischen Aktivitäten von Halber.biz, dem Geschäftsstraßenmanagement in Suderburg. „Wir versuchen aber auch, über den Stadtrat Einfluss zu nehmen, damit hier beispielsweise neue Haltestellen gebaut werden, die auch für ältere Leute tauglich sind.“ Tauglichkeit, das ist gewissermaßen auch das Stichwort für die Vergabe des Preises, den das Geschäftsstraßenmanagement in diesem Jahr ausgelobt hat. Zur Attraktivität gehört nämlich nicht nur optische Ansehnlichkeit, sondern auch die Erreichbarkeit für jedermann – die Barrierefreiheit.

Der Preis landete in diesem Jahr bei Heimann, seine Apotheke wurde für ihre vorbildliche Barrierefreiheit ausgezeichnet. Und die kommt nicht nur älteren und körperlich eingeschränkten Menschen zugute, wie er betont: „Hier sind ja auch viele junge Eltern mit Kinderwägen unterwegs. Die sind für einen angenehmen Einkauf ebenso auf weite Zugänge ohne Stufen angewiesen.“

Natürlich freue er sich sehr über die Ehrung, gibt sich aber bescheiden: „Die Straße hat ja eine ältere Bausubstanz, da kann man die Barrierefreiheit vielerorts nicht so einfach umsetzen. Aber wir sind hier in einem Neubau, der erst Anfang der 90er errichtet wurde. Da konnte man von Anfang an auf diese Kriterien achten.“ Dazu gehören neben einem stufenlosen Zugang zwei Eingänge mit und ohne automatischen Türöffner, genügend breite Türen sowie ausreichend weiträumige Gänge im Innenbereich der Offizin. Mitte Dezember erhielt Heimann die kleine Trophäe aus den Händen von Geschäftsstraßenmanager Thomas Hoffmann – eine Ermutigung für Heimann, seine drei Approbierte, fünf PTA und eine PKA.

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