Globale Krisen und Regression: Seit der Corona-Pandemie haben viele Spendenorganisationen weniger Mittel für ihre Projekte zur Verfügung. Auch Apotheker ohne Grenzen (AoG) muss den Gürtel enger schnallen: Einige Projekte werden im kommenden Jahr mit weniger Mitteln auskommen müssen. Das langjährige Projekt in Argentinien muss sogar beendet werden.
In diesem Jahr rechnet AoG mit einer schwarzen Null bei einem Haushaltsvolumen von 1,5 Millionen Euro. Für das kommende Jahr will die Organisation ebenfalls glatt bei Null herauskommen: Wegen der immer noch schwierigen Spendensituation plant die Hilfsorganisation nur mit 1,3 Millionen Euro. 200.000 Euro müssen also im Vergleich zu diesem Jahr eingespart werden. „Man kann aktuell nicht wirklich davon ausgehen, dass sich die Prognose deutlich verbessert“, erklärt Geschäftsführerin Eliette Fischbach. „Wir sind mit unserer Situation nicht allein, weltweit sind Organisationen vom Spendenrückgang betroffen.“
„Weil dieses Jahr sehr knapp wird, müssen wir, um wieder auf die schwarze Null zu kommen, unseren Sparkurs weiterführen“, erklärt die Geschäftsführerin. „Natürlich werden wir aber unterjährig nachsteuern, wenn sich durch neue Stiftungsgelder doch mehr Freiräume ergeben.“
Bei 200.000 Euro Einsparungen bleiben schwere Entscheidungen nicht aus. Das langjährige Projekt in Argentinien wird daher nicht mehr weitergeführt werden. „Ein Projekt, das wir nicht beendet hätten, wenn die finanzielle Situation nicht dazu zwingen würde“, betonte sie.
Das bedeute aber nicht das Aus für das Projekt als solches, denn man sei zwar der hauptverantwortliche, aber nicht der einzige Partner in Argentinien. „Es gibt andere Förderer und Stiftungen, von denen mindestens eine oder sogar zwei oder drei das Projekt weiter unterstützen wollen.“
Die Arbeit in Argentinien hatte AoG bereits 2002 begonnen und über die Jahre geführt. „Es war eine sehr schwierige und tragische Entscheidung, aber es ist ein sehr großes und kostenintensives Projekt. Wir möchten unser internationales Portfolio breit halten und dann lieber auf ein großes Projekt verzichten, als viele kleine beenden zu müssen.“ Zwischen 2021 und 2025 seien fast 600.000 Euro an zweckungebundenen Spenden in das Projekt in Argentinien geflossen.
„Bei den Einsparmaßnahmen konnten wir nicht mit der Frage nach dem Bedarf oder der Wirkung argumentieren – in allen Projekten ist der Bedarf da“, sagt Fischbach. Die Maßgabe habe gelautet, der Verein habe Vorrang vor dem einzelnen Projekt.
In Nepal laufen aktuell noch drei Projekte. Das Drug Information Center, das im vergangenen Jahr gestartet ist, wird erst einmal auf Eis gelegt. Auch dieses Projekt wolle man wieder starten, wenn es besser laufe, so Fischbach.
Zudem werde es bei allen Projekten im kommenden Jahr Einschnitte geben. „Wir bilden jedes Jahr neue Ehrenamtler aus, das ist natürlich etwas, das wir immer versuchen beizubehalten, egal wie die Finanzen stehen.“ Dennoch werde man sich in einem Projekt in Nepal im kommenden Jahr auf die Arzneimittelversorgung konzentrieren und Schulungsinhalte einstellen müssen. „Unsere Partner vor Ort wissen bereits Bescheid, wir versuchen gemeinsam, das Beste daraus zu machen.“
„Die laufenden Projekte in Deutschland werden wir am allerwenigsten kürzen“, erklärt sie. Die insgesamt acht Projekte sind aber von Einsparungen von insgesamt 13 Prozent betroffen. „Es ist tragisch, dass wir nicht mehr machen können, wir haben viele neue Anfragen aus mehreren Städten in Deutschland bekommen“, erklärt sie. „Aber wir sind natürlich auch froh, dass wir keines der aktuellen Projekte beenden müssen.“
Die Einschnitte haben bei den Mitgliedern einigen Ärger und Unverständnis hervorgerufen. In einem offenen Brief an den Vorstand heißt es: „Mit großer Bestürzung und Fassungslosigkeit habe ich erfahren, dass die Projekte in Argentinien und Nepal eingestellt und die Deutschlandprojekte erheblich gekürzt werden sollen. Diese Projekte sind für uns keine beliebigen Posten im Haushalt. Sie sind der Grund, warum wir alle Mitglied geworden sind und warum wir Zeit, Energie und Herzblut in diesen Verein investieren.“
Unverständlich sei insbesondere, dass Vorstand und Geschäftsstelle im Laufe des Jahres nach außen eher beschwichtigende Signale gesendet hätten. „Nun steht plötzlich die Einstellung zentraler Projekte im Raum; gleichzeitig, aber viel verständlicher, soll ein Kontokorrentrahmen von bis zu 55.000 Euro aufgenommen werden“, heißt es weiter.
Tatsächlich soll der Kontokorrentrahmen erhöht werden. „Durch unsere Liquiditätsplanung wissen wir, dass wir unter Umständen im November, bevor die Weihnachtsspenden eingehen, eine Finanzierungslücke in unseren Ausgaben haben könnten“, erklärt Fischbach. „Um in diesem Fall handlungsfähig zu bleiben, haben wir der Mitgliederversammlung vorgeschlagen, bei unserer Bank einen Kontokorrentrahmen einrichten zu lassen.“
Der Vorschlag sei von der Mitgliederversammlung einstimmig beschlossen worden und man habe diesen Kontokorrentrahmen von der Bank einrichten lassen. Er dient laut Fischbach ausschließlich zur Überbrückung einer möglichen Liquiditätslücke; so könne man im Ernstfall im November handlungsfähig bleiben.
„Dies betrifft nur die kurzfristige Planung, und um einer ähnlichen Situation zukünftig vorzubeugen, wurde der Haushaltsplan 2027, sprich die mittelfristige Perspektive, nochmals defensiver angegangen“, betont sie.
„Wir haben schon auf den letzten Mitgliederversammlungen immer versucht, klar aufzuzeigen, wie der Kontext ist, wie wir das Jahr einschätzen und planen – das haben wir auf dieser Versammlung nicht anders gemacht.“ Es habe viele Fragen und einen offenen Austausch gegeben.
„Ein Punkt, der auch in dem Brief angesprochen wurde, war die Aufforderung, die Mitglieder mitzunehmen. Das ist auch einer der Punkte, bei denen wir nachschärfen wollen.“ Man plane, im Mitgliederbereich künftig zusätzliche Informationen zur Verfügung zu stellen, die auch die finanzielle Seite und die Projektdetails für das jeweils kommende Jahr klarer beleuchten. „Es kommt natürlich auch immer nur ein Bruchteil der Mitglieder auf die Versammlungen“, räumt sie ein. „Wir möchten aber natürlich gegenüber allen Mitgliedern transparent sein und die getroffenen Entscheidungen erklären.“
Auch bei Verwaltung und Personal muss weiter gespart werden. Bereits 2025 habe man keine Stellen mehr nachbesetzt und eine Stelle beendet. Man werde auch im kommenden Jahr keine Nachbesetzungen vornehmen. Insgesamt seien so bereits vier Stellen weggefallen.
Allerdings gebe es in der Verwaltung auch Stellen, an denen nicht gespart werden könne, zum Beispiel wenn es um sichere Software gehe oder um Ausgaben für Fundraising und Marketing. „Eigentlich haben wir nicht wirklich ein Ausgabenproblem, weil wir sehr deutlich sparen – wir haben ein Einnahmenproblem“, betont sie.
„Was uns immer hilft, ist, wenn wir eine planbare Spende bekommen, zum Beispiel wenn jemand Mitglied wird oder eine Dauerspende statt einer einmaligen abgibt; Kontinuität lässt uns ruhiger schlafen“, erklärt die Geschäftsführerin.
In Zukunft wolle man kreativer werden: „Mit unserem AoG-Supporter-Programm wollen wir gezielt auf die Apotheken zugehen, nicht nur auf die Apothekenbesitzer, sondern auf das ganze Team.“ Auch die Apotheken sollen dabei profitieren: Zum Beispiel bekommt die Apotheke Materialien für die Projekte und so kommen wir auch in die Apotheken und halten einen Vortrag. Jede Apotheke habe zudem eine Multiplikatorenrolle, denn wenn die Projekte in der Apotheke gezeigt werden, werden potenziell auch Patienten aufmerksam. So könnten Projekte mehr in die Breite der Bevölkerung getragen werden.
Auch die Unternehmensspenden waren sehr stark rückläufig. Hier wolle man ebenfalls ein neues Konzept erarbeiten.