Verwandtschaftliche Verhältnisse | APOTHEKE ADHOC
Phoenix Spezial

Verwandtschaftliche Verhältnisse

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Berlin -

Mit einem Marktanteil von mehr als 25 Prozent ist Phoenix der mit Abstand führende Pharmagroßhändler in Deutschland. Sollte der Konzern tatsächlich verkauft werden, könnte es ein Investor also aus dem Stand an die Spitze des deutschen Marktes schaffen. Für den Phoenix-Treuhänder könnte es allerdings vorher eine Überraschung geben: Möglicherweise waren die Großhandelsaktivitäten des verstorbenen Unternehmers Adolf Merckle größer, als sie gemäß Auflagen des Bundeskartellamtes sein durften. Hageda-Stumpf, ein regionaler Großhändler in München, dessen Vorgänger Merckle bei der Gründung von Phoenix hatte abgeben müssen, gehört offenbar bis heute zur Einflusssphäre der Merckle-Gruppe.

Im Dezember 1992, drei Tage vor Weihnachten, schlossen Merckle und das Bundeskartellamt einen Vertrag: Der schwäbische Unternehmer durfte die – Gerüchten zufolge längst von ihm kontrollierten – Großhändler Hageda (Köln), Otto Stumpf (Fürth) und F. Reichelt (Hamburg) mehrheitlich übernehmen, musste aber die Münchner Betriebe von Stumpf und Hageda inklusive Kundenstamm an einen unabhängigen Dritten abgeben. Die Fusion der drei börsennotierten Gesellschaften mit Otto Stumpf (Berlin) und Ferd. Schulze (Mannheim) war damit abgesegnet. Zwei Jahre später hatte Merckle alle Vorbereitungen abgeschlossen – Phoenix war geboren.

Ohne Merckles Zusagen hätte laut Kartellamt der Zusammenschluss in einigen Teilen Bayerns zu marktbeherrschenden Positionen geführt und untersagt werden müssen. Zwar war im Vertrag explizit vereinbart worden, dass Merckle die Münchner Niederlassungen nicht an mit ihm oder seiner Familie verbundene Unternehmen oder Treuhänder übertragen durfte.

Doch am Ende störte es die Wettbewerbshüter nicht, dass die beiden Betriebe an Karl Friedrich Erbprinz von Hohenzollern gingen – einen engen Geschäftspartner Merckles. Der Unternehmer hatte dem Fürstenhaus 1989 aus einem finanziellen Engpass geholfen und war im Gegenzug als gleichberechtigter Partner in die Unternehmensgruppe Fürst von Hohenzollern eingestiegen.

„Bedenken hinsichtlich der Erfüllung des Zusagenvertrages waren in diesem Zusammenhang nicht zu erheben“, teilte das Kartellamt zum unternehmerisch-fürstlichen Doppelpass mit. Nach Auskunft aus dem Haus Hohenzollern wechselten die Unternehmen ohnehin bald wieder den Besitzer – wann und an wen, war nicht zu erfahren.

Eingetragener Eigentümer der beiden 1999 zu Hageda-Stumpf fusionierten Großhändler ist der Wirtschaftsanwalt Professor Dr. Reinhard Pöllath. Pöllath ist einer der renommiertesten Berater betuchter Familienunternehmen und seit Dezember Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. Als Aufsichtsratschef bei Tchibo und Beiersdorf vertritt Pöllath unter anderem die Interessen der Familie Herz.

Auch beim Münchner Großhändler sind laut Pöllath zwei Familien als stille Gesellschafter beteiligt. Weiter eingrenzen wollte er auf Nachfrage den Kreis der Eigentümer nicht; die Anteile seien jedenfalls nicht Bestandteil der angeschlagenen Merckle-Vermögensverwaltung VEM, erklärte Pöllath gegenüber APOTHEKE ADHOC.

Eine Beteiligung der Familie Merckle ist nicht ausgeschlossen. Verschiedene Fakten sprechen dafür, dass Merckle sich nicht, wie mit dem Kartellamt vereinbart, gänzlich aus dem Betrieb zurückgezogen hatte: Das Grundstück, auf dem Hageda-Stumpf seit 1999 angesiedelt ist, gehört einer GbR, an der sechs von Merckle kontrollierte Beteiligungsgesellschaften Anteile halten. Aus den Mieteinnahmen gehen Erlöse unter anderem an Stumpf und Reichelt, die ihrerseits Niederlassungen an Phoenix verpachten und außerdem Anteile am Marktführer halten.

Auch die EDV von Hageda-Stumpf wird zumindest teilweise über Phoenix abgewickelt. Als Spediteur fährt unter anderem die Phoenix-Tochter Transmed für die Münchener. Schließlich ist Hageda-Stumpf neben Phoenix der einzige Großhandelspartner des Marketing Vereins Deutscher Apotheker (MVDA).
Das Unternehmen sieht sich zwar als eigenständiger Anbieter mit Lokalkolorit („Der Großhändler von hier, wie hier, für hier“), räumt aber auf seiner Website selbst ein, dass es einen „großen Bruder“ gibt.

Mit einem Umsatz von 260 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2007/2008 nimmt sich Hageda-Stumpf innerhalb der Geschwisterkonstellation bescheiden aus. Immerhin erwirtschaftete Phoenix im gleichen Zeitraum einen Umsatz von 21,6 Milliarden Euro, 6,3 Milliarden davon alleine in Deutschland.

Während Phoenix mit 20 Niederlassungen deutschlandweit aufgestellt ist, zählen die Münchner zu den wenigen verbliebenen regionalen Pharmagroßhändlern. 150 Mitarbeiter beliefern rund 700 Apotheken und erwirtschafteten zuletzt einen Vorsteuergewinn von 750.000 Euro. Das Ergebnis wurde wesentlich durch Miet- und Leasingzahlungen in Höhe von 1,9 Millionen Euro sowie Fracht- und Versandkosten in Höhe von 2,5 Millionen Euro belastet, die zum großen Teil an Merckle-Firmen wie Transmed oder die Vermietungsgesellschaft gegangen sein dürften.

Da Phoenix eine eigene Niederlassung in München betreibt, bleibt fraglich, warum Merckle überhaupt das Risiko eingegangen sein könnte, mit dem Kartellamt in Konflikt zu kommen. Die Wettbewerbshüter waren sich der Problematik bewusst: Einer Sprecherin zufolge gab es seinerzeit den Verdacht, dass Merckle über eine Strohmann-Konstruktion die im Fusionsverfahren festgelegten Auflagen zu umgehen versuchte.

Ob es im Rahmen dieses Verfahrens Durchsuchungen gab, sei aber nicht mehr zu rekonstruieren. „Wir vermuten eher, dass das Bundeskartellamt sich die Verträge vorlegen ließ“, so die Sprecherin. Das Verfahren sei schließlich eingestellt worden, da sich der Verdacht nicht habe nachweisen lassen.

Soviel ist sicher: Anders als bei der gescheiterten Übernahme der Anzag durch die Sanacorp, um die zuletzt sogar vor dem Bundesgerichtshof gestritten wurde, drückten die Wettbewerbshüter im Fall Merckle offenbar ein Auge zu, wenn nicht beide.

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