Parkinsonmittel

Apo-Go: Stada zurück auf Los

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Berlin -

Die Stada steht bei ihrem umsatzstärksten Produkt Apo-Go (Apomorphin) vor dem Neuanfang. Ende Mai hatte sich der Konzern von der Vertriebsfirma Licher MT getrennt und Grünenthal beauftragt. Doch der bisherige Partner hat bereits Ersatz gefunden und macht nun seinem ehemaligen Auftraggeber Konkurrenz. Grünenthal geht in die Vollen, um die Ärzte am Produkt zu halten.

Licher MT hatte Anfang 2012 den Vertrieb von Apo-Go für Stada übernommen. Der Dienstleister aus Wedemark gehört seit 2011 zu Air Liquide und ist nach eigenen Angaben auf die subcutane Applikation mittels Pumpen spezialisiert. Zweites Standbein neben der Behandlung von Parkinsonpatienten ist die subkutane Immunglobulin-Therapie.

Ende Mai trennten sich die Wege von Stada und Licher MT überraschend. Über die Gründe ist nichts bekannt; bereits Ende vergangenen Jahres unterzeichnete die Stada eine Lizenzvereinbarung mit Grünenthal. Doch auch Licher MT hatte sich bereits umgesehen, um den Ausfall des Großkunden zu kompensieren. Apomorphin ist nicht patentgeschützt; von Neuraxpharm gab es bis vor Kurzem ein Konkurrenzprodukt. Doch der ZNS-Spezialist warf vor wenigen Wochen das Handtuch; zu klein ist der Markt und anspruchsvoll obendrein.

Fündig wurde Licher MT stattdessen bei Ever Neuro Pharma in Österreich. Das Familienunternehmen aus Unterach am Attersee im Salzkammergut hat mit Dacepton bereits seit Jahren ein Apomorphin-Präparat im Angebot, das in Deutschland bislang nicht vermarket wurde.

Zwar gibt es bislang nur die Pumpe und noch keinen Pen. Die beiden neuen Partner zielen dafür auf einen anderen Produktvorteil ab: Bei Dacepton ist die Infusionslösung nach Anbruch bei Raumtemperatur bis zu sieben Tage stabil. Durch die längere Frist könnten Patienten auch nach einer nächtlichen Infusionspause die in der Pumpe vorhandene Lösung aufbrauchen, heißt es vom Hersteller.

Ansonsten verspricht Licher MT den gewohnten Service aus einer Hand; nur das Arzneimittel wird über die Apotheken geliefert, der Rest kommt direkt aus Wedemark. Jetzt könnte es sich rächen, dass die Stada den kompletten Arzt- und Patientenkontakt jahrelang aus der Hand gegeben hat.

Grünenthal setzt alles daran, dass Ärzte und Patienten nicht den bisherigen Betreuern, sondern dem Produkt treu bleiben. Das Aachener Familienunternehmen hat eine massive Kampagne in den einschlägigen ärztlichen Fachzeitschriften lanciert und verspricht umfassende Serviceangebote und Fortbildungen. Den Patientenservice übernimmt als Kooperationspartner ContraCare aus Nürnberg.

Apomorphin wird eingesetzt zur Behandlung von Parkinsonpatienten im Mittel- bis Spätstadium, die von motorischen Fluktuationen betroffen sind. Bei morgendlichen Off-Phasen stellt der Fertigpen eine zusätzliche Therapieoption dar, bei Patienten im fortgeschrittenen Stadium kommt die Pumpe zum Einsatz.

Die Therapie ist insbesondere bei End-of-dose-Fluktuationen als Alternative zur Tiefenhirnstimulation etabliert, da es – anders bei bei Levodopa – nicht zu einer Gewöhnung kommt. Allerdings bewegen sich die Hersteller in einer extremen Nische: Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland etwa 110.000 Patienten in den Stadien III und IV, davon knapp 13.000 mit Fluktuationen, die theoretisch für eine Pumpentherapie in Frage kommen.

Apo-Go ist seit 2001 auf dem Markt und war 2007 mit dem Hersteller Britannia/Forum von Stada übernommen worden. Der Generikakonzern zahlte Firmengründer Peter Duckworth und dem japanischen Hersteller Ajinomoto damals 55,6 Millionen Euro – ein Betrag, der sich längst gerechnet hat: Mit Erlösen von 63 Millionen Euro war Apo-Go 2015 nicht nur das umsatzstärkste Produkt des Generikakonzerns, sondern auch das wachstumsstärkste: Alleine in den vergangenen beiden Jahren legten die Verkäufe jeweils um ein Viertel zu.

Allerdings ist das Geschäft kein Selbstläufer, denn die Anwendung ist alles andere als trivial. Bei einem kurzen stationären Aufenthalt in einer spezialisierten Klinik muss zunächst die optimale Dosis gefunden werden. Je nach Patient gibt es erhebliche Unterschiede; zwischen 3 und 30 mg werden üblicherweise pro Tag verabreicht. Je nach Schwere der Erkrankung sind so bis zu zehn einzelne Injektionen notwendig. Bei größerem Bedarf kann auch eine Dauerinfusion per Pumpe gesetzt werden, die dann allerdings regelmäßig befüllt werden muss. Außerdem muss die bestehende Medikation angepasst werden.

Umso wichtiger ist die Betreuung – nicht nur der Praxen, sondern auch der Patienten. Weltweit gibt es für Apo-Go Verträge mit Vertriebspartnern, meist Anbieter aus dem Homecare-Bereich.

Vor Licher MT war ab 2003 Cephalon für den Vertrieb verantwortlich; der Hersteller, der mittlerweile zum Konkurrenten Teva gehört, hatte mit der Abwicklung die Firma MTS Meditel beauftragt. Die Münchener Firma hatte mit ihrem Modell die Stada vor einigen Jahren in Erklärungsnot gebracht: Bei dem Lieferservice wurden teilnehmende Patienten an neue Rezepte erinnert; auf Wunsch forderte der Hersteller die Folgerezepte selbst beim behandelnden Arzt an und ließ sie sogar von einem Kurierdienst abholen. Die Infusionslösungen und Fertigspritzen wurden dann von einer Münchener Versandapotheke (Clemens-Apotheke) verschickt.

Die Wettbewerbszentrale hatte in dem Lieferservice eine Umgehung der Apothekenpflicht gesehen und in erster Instanz recht bekommen. Doch im Berufungsverfahren konnte Cephalon im April 2012 das Oberlandesgericht München überzeugen, dass Apo-Go nicht direkt an Patienten ausgeliefert wird, sondern über eine Apotheke.

Die Stada hatte bereits einige Monate zuvor die Reißleine gezogen und die Vertriebsvereinbarung für Apo-Go mit Cephalon gekündigt. 5,4 Millionen Euro kostete die kurzfristige Trennung den Konzern.

Grünenthal und Stada arbeiten bereits zusammen. 2012 hatte der Generikakonzern für rund 360 Millionen Euro die Vertriebsrechte für insgesamt 14 Marken des Herstellers aus Aachen übernommen. In Osteuropa, Russland und im Nahen Osten kommen Produkte wie Tramal (Tramadol), Zaldiar (Tramadol/Paracetamol) und Transtec (Buprenorphin) seitdem über Stada.

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