Für viele Menschen ist das Nervengift Botulinumtoxin vor allem ein Mittel gegen Falten. Tatsächlich wird der Wirkstoff heute längst auch gegen chronische Migräne, Muskelkrämpfe, Spastiken nach Schlaganfällen oder krankhaften Speichelfluss eingesetzt. Die steigende Nachfrage sorgt auch in Sachsen-Anhalt für Investitionen.
Der Pharmakonzern Merz baut seinen Standort in Dessau-Roßlau für mehr als 100 Millionen Euro aus. Mit einer neuen Verpackungslinie sowie Investitionen in Produktion, Verpackung und Logistik reagiert das Unternehmen auf die weltweit gestiegene Nachfrage. Dort wird ein Botulinumtoxin-Präparat des Unternehmens hergestellt.
„Der medizinische Bereich wird eigentlich so ein bisschen vergessen. Alle reden nur von der Falte“, sagt Merz-Group-Chef Philip Burchard. Dabei könne Botulinumtoxin schwer kranken Patienten oft erheblich helfen. Menschen mit einem verkrampften Hals könnten nach einer Behandlung den Kopf wieder gerade halten, Schlaganfallpatienten den Arm wieder besser bewegen oder Parkinson-Patienten ihren krankhaften Speichelfluss verlieren. „Die Lebensqualität und auch die Schmerzreduktion ist absolut enorm im medizinischen Bereich“, sagt Burchard.
Umgangssprachlich wird Botulinumtoxin häufig als Botox bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich dabei jedoch um den Markennamen eines Präparats eines anderen Herstellers. Das von Merz in Dessau produzierte Botulinumtoxin-Präparat trägt den Namen Xeomin.
Die wachsende Bedeutung in der Medizin beobachten auch Neurologen. „Bei dystonen Erkrankungen wie der zervikalen Dystonie und beim Blepharospasmus ist es heute meist Therapie der ersten Wahl“, sagt Christopher Weise, Leitender Oberarzt der Universitätsklinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Halle. Gemeint sind Bewegungsstörungen wie ein krampfhaft verdrehter Hals oder Lidkrämpfe.
Den Erfolg des Wirkstoffs erklärt Weise vor allem mit seiner guten Wirksamkeit und dem günstigen Sicherheitsprofil. Andere medikamentöse Behandlungen hätten oft deutlich mehr Nebenwirkungen und würden von Patienten schlechter vertragen. Mit vergleichsweise geringem Aufwand lasse sich vielen schwer betroffenen Menschen helfen.
Neben den medizinischen Anwendungen wächst seit Jahren aber auch der Markt für ästhetische Behandlungen. Nach Angaben von Merz-Chef Burchard haben sich die Behandlungsmethoden in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. „Früher sah man den Menschen sofort an, dass sie behandelt worden waren. Heute wird das so feinfühlig und dezent gemacht, dass man es kaum noch bemerkt.“ Zugleich sei die gesellschaftliche Akzeptanz gestiegen. Nach der Corona-Pandemie habe etwa der sogenannte „Zoom-Boom“ die Nachfrage zusätzlich befeuert. Weil viele Menschen sich in Videokonferenzen ständig selbst auf dem Bildschirm sahen, rückte das eigene Aussehen noch stärker in den Fokus.
Botulinumtoxin ist in Deutschland jedoch verschreibungspflichtig und darf nur von approbierten Ärztinnen und Ärzten angewendet werden. Fachgesellschaften warnen davor, sich von nichtärztlichen Anbietern behandeln zu lassen.
Dass Botulinumtoxin heute häufiger eingesetzt wird, beobachtet auch die Universitätsmedizin Magdeburg. „Patienten informieren sich heute deutlich aktiver über ihre Therapieoptionen“, sagt Neurologin Laura Danielian. Hinzu kämen neue zugelassene Anwendungsgebiete, sodass die Behandlung für immer mehr Patienten infrage komme. Mit der steigenden Nachfrage gerate die Versorgung jedoch zunehmend unter Druck: „In Sachsen-Anhalt sehen wir bereits heute eine Unterversorgung. Die Zahl der Behandler ist begrenzt, und die vorhandenen Kapazitäten stoßen bereits an ihre Grenzen.“
Während Ärztinnen und Ärzte über fehlende Kapazitäten klagen, reagieren Hersteller mit Investitionen auf die weltweit steigende Nachfrage. Der Boom ist längst ein weltweites Geschäft. Zu den wichtigsten Märkten für Merz zählen die USA sowie Brasilien und Südkorea. Besonders viel Potenzial sieht Burchard in China. Dort erhielt das Unternehmen Ende vergangenen Jahres die Zulassung für sein Botulinumtoxin-Präparat. China gilt als einer der weltweit am stärksten wachsenden Märkte für ästhetische Behandlungen.
„Made in Germany“ komme dort sehr gut an, so Burchard. Sowohl die medizinischen als auch die ästhetischen Anwendungen wüchsen derzeit weltweit im hohen einstelligen Prozentbereich. Merz selbst lege mit rund zehn Prozent pro Jahr sogar stärker zu als der Gesamtmarkt.
Während viele Industriezweige in Deutschland derzeit unter einer schwachen Konjunktur und hoher Unsicherheit leiden, geht es der Pharmabranche vergleichsweise gut. Von diesem Boom profitiert auch der Standort Dessau-Roßlau. Bis 2028 investiert Merz dort mehr als 100 Millionen Euro und schafft rund 150 zusätzliche Arbeitsplätze.
Für Standortleiter Björn Niemczak steht der Ausbau exemplarisch für die Entwicklung des Werks. Angefangen habe der Standort Anfang der 2000er Jahre mit der Herstellung des Wirkstoffs. „Wir fertigen jetzt wirklich von der Zellbank bis zum finalen Produkt in Dessau“, sagt er.
Die Entwicklung des Standorts spiegelt auch den Wandel wider, den Botulinumtoxin in den vergangenen Jahren erlebt hat: vom vor allem als Faltenmittel bekannten Wirkstoff hin zu einem Medikament mit breitem medizinischem Einsatz.
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