Schmerzmittel gegen Sex: Großrazzien bei Ärzten und Apothekern | APOTHEKE ADHOC
Opioid-Epidemie

Schmerzmittel gegen Sex: Großrazzien bei Ärzten und Apothekern

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Berlin -

In den USA haben Ermittlungsbehörden laut eigenen Angaben einen der größten Erfolge gegen den Missbrauch verschreibungspflichtiger Schmerzmittel erzielt. Insgesamt 60 Heilberufler, darunter Apotheker, Ärzte und Krankenpfleger, werden wegen illegaler Verschreibung und Abgabe von Opioiden oder der Verschwörung dazu angeklagt. Sie sollen mehr als 35.000 illegale Rezepte ausgestellt oder beliefert haben, vor allem für starke Opioide wie Fentanyl und Oxycontin – insgesamt rund 32 Millionen Tabletten. Die Details sind haarsträubend.

Die Anklagen sind der erste große Fahndungserfolg der ARPO, der „Appalachian Regional Prescription Opioid Strike Force“. Das Spezialteam hatte das US-Justizministerium im Dezember aufgestellt, um mit juristischen Mitteln gegen die Opioid-Epidemie in den USA vorzugehen. Neben den fragwürdigen Marketingmethoden von Pharmaherstellern werden nämlich vor allem eine dubiose Verschreibungs- und Abgabepraxis in Apotheken, Kliniken und Arztpraxen für die grassierende Schmerzmittelabhängigkeit verantwortlich gemacht.

„Die Opioid-Epidemie ist die tödlichste Drogenkrise in der amerikanischen Geschichte und die Appalachen haben wahrscheinlich mehr unter ihren Folgen gelitten, als jede andere Region“, so Justizminister William P. Barr. „Doch das Justizministerium trägt seinen Teil dazu bei, die Krise zu beenden.“ Auch Gesundheitsminister Alex Azar, selbst ehemaliger Pharmalobbyist und US-Geschäftsführer von Eli Lilly, sieht die Razzien als Erfolg der Regierung: „Den illegalen Vertrieb von Opioiden zu verringern, ist ein zentrales Element in Präsident Trumps Plan, diese Krise der öffentlichen Gesundheit zu beenden.“ Es sei aber auch unerlässlich, abhängigen Amerikanern den Zugang zu therapeutischen Angeboten zu ermöglichen.

In insgesamt acht Bundesstaaten – darunter Virginia, Ohio, Pennsylvania, Alabama und Tennessee – im Osten der USA schlugen die Ermittler in den vergangenen Tagen zu, darunter in einigen der am stärksten von der Opioid-Krise betroffenen Gebieten. Mehrere Ärzte und Apotheker werden beschuldigt, sogenannte „Pill Mills“ betrieben zu haben, das heißt Praxen, von denen bekannt ist, dass dort gegen kleinere oder größere Schmiergelder Schmerzmittelrezepte auf Bestellung ausgestellt werden. Eine Apotheke in Dayton, Ohio, soll innerhalb von zwei Jahren 1,75 Millionen Tabletten Schmerzmittel abgegeben haben. Andere Ärzte sollen ihren Praxismitarbeitern massenhaft unterschriebene Blankorezepte zur Verfügung gestellt haben, damit sie auch ohne ihre Anwesenheit Verordnungen ausstellen können.

Die Vorwürfe, die das Justizministerium erhebt, sind teils erschreckend: So soll ein Arzt in Tennessee – der sich selbst „Rock Doc“ nannte – Schmerzmittelrezepte gegen sexuelle Gefälligkeiten ausgestellt haben. Innerhalb von drei Jahren habe er 1500 Fentanylpflaster und 1,4 Millionen Schmerztabletten verschrieben, hauptsächlich Hydrocodon und Oxycodon. Ein Kollege habe gar 4,2 Millionen Tabletten opioidhaltige Schmerzmittel verschrieben, bis zu 15 Stück pro Tag und Patient.

Ein anderer Arzt habe mit drogenabhängigen Prostituierten verkehrt, um sie als Patientinnen für seine Praxis zu „rekrutieren“, so das Justizministerium in einer Mitteilung. In Kentucky wurde ein Zahnarzt angeklagt: Er soll massenhaft Schmerzmittel verschrieben haben, ohne dass es einen medizinischen Bedarf gab. Dies sei so weit gegangen, dass er Patienten unnötigerweise Zähne gezogen und dann Folgetermine angesetzt hat, um ihnen unauffällig Opioide verschreiben zu können. Zahlreiche Angeklagte sollen sich auch kräftig selbst bedient haben: Sie sollen teils Rezepte auf falsche Namen ausgestellt haben, um ihre eigenen Opioid-Abhängigkeit zu befriedigen.

Die USA leiden seit Jahren unter der grassierenden Opioid-Abhängigkeit, mit mehreren hunderttausend Toten gilt sie als eine der größten Krisen der jüngeren Geschichte. Als Folge ist auch die Zahl der Heroin-Süchtigen in die Höhe geschnellt: Wenn die Ärzte keine Verordnung mehr ausstellen und das Geld für die teuren Schmerzmittel aufgebraucht ist, steigen viele Abhängige auf günstigeres und leichter zu beschaffendes Heroin um. Zahlen der Gesundheitsbehörde CDC zufolge starben allein im Jahr 2017 in den USA 70.237 Menschen an einer Überdosis Schmerzmittel oder Heroin.

Mit einer Reihe von Maßnahmen versuchen die USA der Krise Herr zu werden. So laufen dutzende Gerichtsverfahren gegen Pharmakonzerne, die die Opioide herstellen, darunter Purdue, Teva, Allergan, Endo und Janssen. Vor allem Purdue ist im Fadenkreuz der Justiz: Das Unternehmen ist mit mehr als 1600 Klagen konfrontiert. Ihm wird vorgeworfen, der Wahrheit nachgeholfen zu haben, um sein Schmerzmittel Oxycontin zu vermarkten. Das Abhängigkeitspotential sei auch mit unlauteren Mitteln über Jahre kontinuierlich heruntergespielt worden, um Ärzte zu einer lockeren Verschreibungspraxis zu animieren. Erst im März hat die Eigentümerfamilie Sackler einer Vergleichszahlung von 270 Millionen US-Dollar (240 Millionen Euro) zugestimmt, um eine Klage des Staates Ohio abzuwenden.

Aber auch gegen Abgabestellen und Großhändler gehen die Behörden vor. So hat beispielsweise der Bundesstaat Florida die beiden größten US-Apothekenketten CVS und Walgreens sowie den Großhändler McKesson verklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft den Unternehmen vor, trotz „umfassender und offensichtlicher Beweise für illegale Vertriebswege unangemessene Mengen von Opioiden nach Florida eingeführt und verkauft“ zu haben.

So hätten Walgreens-Filialen bei der Abgabe Opioid-haltiger Schmerzmittel teilweise eine Umsatzsteigerung von 600 Prozent innerhalb von zwei Jahren verzeichnet. Als Beispiel führt die Anklage eine nicht näher genannte Stadt mit 3000 Einwohnern an, in der Walgreens innerhalb eines einzigen Monats 285.000 Bestellungen Oxycodon abgegeben habe.

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