„Tote Zonen“: Studien warnen vor Plexiglaswänden

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Neue Studien: Plexiglaswände könnten Infektionsrisiko erhöhen.

Berlin - Plexiglasscheiben gehören längst zum Alltag in Apotheken. Schon im Frühjahr 2020 hatten sie sich schnell als eine der ersten wirksamen Schutzmaßnahmen gegen Corona-Infektionen etabliert. Doch die Zweifel wurden in den vergangenen Monaten immer lauter. Studien aus den USA und Großbritannien sind nun zu dem Ergebnis gekommen, dass Plexiglaswände sogar kontraproduktiv sein und das Infektionsrisiko erhöhen könnten.

Wer hinter einer Glasscheibe steht, kann nicht angeniest werden, so viel ist klar. Über die direkte Abwehr größerer Aerosolpartikel hinaus könnten Plexiglaswände in geschlossenen Räumen allerdings genau entgegen ihrem eigentlichen Zweck wirken und durch Verwirbelungen Viren in der Luft sogar noch im Raum verteilen. Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich vom britischen Gesundheitsministerium veröffentlichte Metastudie der Scientific Advisory Group for Emergencies, einer Regierungsbehörde, die die Zentralregierung in Notfall- und Katastrophenlagen berät.

Ausgangspunkt der Untersuchung war die nach wie vor schlechte Studienlage zum Thema. Denn auch wenn Plexiglaswände auch in Großbritannien in Apotheken und im Einzelhandel zum Standardinterieur gehören, gebe es weiterhin „sehr wenige Daten zur Effektivität von Schutzwänden bei der Reduktion von Infektionen aus epidemiologischen, modellierten oder Laborstudien“, so das Paper, das noch keiner Peer Review unterzogen wurde. Was bisher relativ sicher gesagt werden könne, ist, dass die Scheiben vor größeren Aerosolpartikeln aus der Ausatemluft schützen, wenn der oder die Emittent:in zwei Meter oder weniger entfernt steht. Doch das gelte eben nur für die großen Aerosolpartikel, die beim Husten oder Niesen ausgestoßen werden, nicht für kleinere, die mit der normalen Atemluft abgegeben werden, und als ungleich wichtiger bei der Übertragung von Sars-CoV-2 gelten.

Außerdem gebe es Anzeichen dafür, dass Plexiglaswände in solchen Situationen die Oberflächenbelastung in der Umgebung verringern könnten – mutmaßlich, weil größere Partikel an den Scheiben haften bleiben, statt auf den darunterliegenden Boden – also im Falle einer Apotheke den HV – zu sinken. Allerdings gebe es bisher nur unzureichende Erkenntnisse über die quantitative Dimension dieses Effekts.

Was allerdings nach Ansicht des wissenschaftlichen Beratergremiums mit relativ hoher Sicherheit angenommen werden kann: Über den Kontakt aus nächster Nähe hinaus haben Plexiglaswände keine nennenswerte Wirkung. Die Aerosole, die von Menschen abgegeben werden, die sich mehr als zwei Meter entfernt aufhalten, und danach in der Luft verbleiben, werden demnach kaum oder gar nicht von den Plexiglaswänden abgehalten, da sie leicht und in sehr kurzer Zeit um die Abtrennung herum zirkulieren können. Und dabei könnten sie die Infektionsgefahr hinter der Scheibe sogar erhöhen. Es gebe Erkenntnisse aus epidemiologischen und mechanischen Studien, die nahelegen, „dass Trennscheiben das Risiko von Aerosol-Übertragungen erhöhen können, indem sie in Zonen schwacher Luftzirkulation hinter der Scheibe Muster der Luftzirkulation blockieren oder umleiten“. Bereits im Frühjahr war die deutsche Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) zu ähnlichen Ergebnissen gelangt.

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