Hanau

Mit Knabberzeug: Apotheke lässt Rezeptfälscher auflaufen

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Berlin -

In Hanau haben ein 23-jähriger Mann und mutmaßlich mehrere unbekannte Komplizen in den vergangenen Wochen offenbar mehrfach versucht, sich mit plump gefälschten Verordnungen Betäubungsmittel zu erschleichen. Die Mitarbeiter der Family-Apotheke konnte er allerdings nicht täuschen, sie hielten ihn mit Knabberzeug hin, bis die Polizei kam.

Ganz überraschend kam der Rezeptbetrüger allerdings nicht: Schon seit mindestens einer Woche war den Hanauer Apotheken aufgefallen, dass Rezeptfälscher unterwegs sind. Die Kollegen warnen sich normalerweise gegenseitig, wenn Betrugsfälle in der Stadt bekannt werden – so auch vergangene Woche. Eine andere Apotheke hatte den Betrieb von Inhaber Moritz Troschke zuvor schon gewarnt und Arzt- sowie Patientennamen gegeben. Als die PTA, die das Rezept entgegennahm, skeptisch wurde und sie dem Mann sagte, sie müsse jetzt erst einmal den Arzt anrufen, ergriff der die Flucht.

Das hinderte seinen mutmaßlichen Komplizen nicht, direkt am Folgetag dieselbe Apotheke aufzusuchen – in Arbeitskleidung und ebenfalls mit einem gefälschten BtM-Rezept über Tilidin-Tabletten. „Wir haben ihm dann gesagt, dass wegen des Rezepts etwas geklärt werden muss und er doch bitte am nächsten Tag wiederkommen soll“, erinnert sich Apothekerin Maurine Burkhert. Das tat er natürlich nicht.

Dafür kam sein mutmaßlicher Komplize am Dienstag in die Family-Apotheke. Woher die Vermutung stammt, dass es sich um Komplizen handelt? „Uns ist aufgefallen, dass auf allen Rezepten unten rechts ‚Praxisdrucksachen.com‘ stand“, erklärt Burkhert. Alle drei haben sich die Vordrucke also auf derselben Internetseite besorgt. Praxisdrucksachen.com verkauft von der Muster-16-Verordnung bis zum Stempel alles, was ein Rezeptfälscher braucht. „Wenn man technisch ein bisschen versiert ist, ist es gar nicht so schwer, damit alle gängigen Verordnungen zu fälschen“, erklärt Burkhert. Allerdings: Ein sicherer Beweis für eine Fälschung ist ein solcher Aufdruck auf den ersten Blick trotzdem nicht. Ärzte beziehen Rezepte zwar generell über ihre jeweilige KV oder den Paul-Albrecht-Verlag. Das ist jedoch je nach KV unterschiedlich geregelt. In vielen Bundesländern können Ärzte auch über andere Anbieter, die Partner ihrer KV sind, Rezepte bestellen, erklärt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) auf Anfrage. Hinter Praxisdruckssachen.com steht laut Impressum die Firma Diers Drucksachen aus Berlin – die ist jedoch bei der KV Hessen gänzlich unbekannt, wie ein Sprecher auf Anfrage erklärt. Ärzte in Hessen kaufen ihre Rezepte prinzipiell über den Anbieter Swiss Post Solutions.

Der junge Rezeptfälscher wiederum hatte nicht nur die Nerven, sich auf einer dubiosen Website Rezepte zu kaufen, er besaß sogar die Chuzpe, vorher in der Apotheke anzurufen und nachzufragen, ob sie die 50er-Packung Alprazolam 1mg, die er haben wollte, am Lager hat. „Als er dann kam, hatten wir das Glück, dass unser Kollege vorn stand, der auch den anderen Rezeptfälscher bedient hat“, erinnert sich Burkhert. Und der wusste, was zu tun war. Er sagte ihm, er müsse beim Arzt anrufen und etwas nachfragen – besagter Arzt war aber im Urlaub. „Die scheinen sich das so ausgesucht zu haben, dass die Ärzte nie erreichbar sind“, vermutet die Apothekerin.

Allerdings fiel auch eine weitere Ungereimtheit auf: Geburts- und Ausstellungsdatum waren dasselbe. Natürlich möglich, dass der Patient an seinem Geburtstag beim Arzt war – soll sie also die Polizei rufen oder nicht? Burkhert zweifelte. „Ich habe mich selbst gefragt, ob es richtig ist oder ob es zu viel ist, die Polizei zu rufen“, sagt sie. Beim ersten Mal hätten sie sich aus Unsicherheit noch nicht getraut die Polizei zu rufen – es hätte ja ein Irrtum sein können- Doch sie trifft die richtige Entscheidung. „Wir haben gedacht, wir sitzen das mal aus und hoffen, dass er wartet. Meine Kollegin hat ihm sogar noch Knabberzeug gegeben.“

Und es hat funktioniert: Fünf Minuten später kamen zwei Polizisten. „Er wollte noch türmen, kriegte aber die automatische Schiebetür nicht so schnell auf wie er wegrennen wollte.“ Und die Beamten setzten nicht nur den Delinquenten fest, sondern machten gleich noch weitere Funde: „Sie haben ihm noch zwei, drei weitere Rezepte aus der Tasche gezogen“, erinnert sich Burkhert. Es lag also nahe, weiter zu suchen: Samt richterlichem Durchsuchungsbeschluss warf die Polizei einen Blick in die Wohnung des 23-Jährigen und wurde fündig: Drogen, Beruhigungsmittel und weitere Rezepte. Das Hanauer Fachkommissariat für Drogendelikte hat deshalb die weiteren Ermittlungen übernommen und sucht nun die Komplizen des Erwischten.

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