„Irgendwann war mir alles zu viel“ | APOTHEKE ADHOC
Schließung mit 43

„Irgendwann war mir alles zu viel“

, Uhr
Berlin -

In der Offizin stehen Plastikwannen und Umzugskartons. In einem leeren Regal hält ein kleiner Deko-Engel Wache. Ein paar Stunden noch, dann wird auch er eingepackt. Alles muss raus, am 15. Januar übergibt Anja Rotman die Schlüssel an ihren Vermieter. Dann ist die Wieland-Apotheke in Berlin nach 115 Jahren Geschichte. Für viele ist das Apothekensterben nur eine Zahl – hier ist die Geschichte einer Berliner Apotheke, die gerade geschlossen wurde.

Ihre Kunden hat sie mit einem Schreiben an der Fassade informiert. Viele sehen, dass noch jemand da ist, klopfen an die geschlossene Glastür. Sie sind fassungslos. „Warum schließen Sie denn?“, fragt eine Stammkundin entsetzt. Ein älterer Herr bedauert das Ende „seiner“ Apotheke ebenfalls. Er beschwört die Apothekerin, bei der er jahrelang Stammkunde war: „Sie müssen mich unbedingt informieren, wo sie künftig arbeiten. Nicht vergessen!“

Seit Wochen nimmt Apothekerin Rotman Abschied. „Es gab viele Tränen hier.“ In fast neun Jahren hat sich die heute 43-Jährige eine treue und begeisterte Stammkundschaft aufgebaut. Berlin-Friedenau ist eine schöne Gegend: Altbauten, ältere Kundschaft, viele junge Familien, keine sozialen Brennpunkte. Heile Welt inmitten der Hauptstadt.

Rotman hat vor der Übernahme der Wieland-Apotheke im Jahr 2009 alles richtig gemacht: Standortanalyse, realistische Erwartungen, ein neues Konzept – sie spezialisierte sich angesichts der vielen Familien auf Mutter/Kind, bot zusätzlich Homöopathie an. Trotzdem hat es nicht geklappt, nach neun Jahren muss sie nun schließen. Eine für Anfang 2018 geplante Mieterhöhung gab den letzten Ausschlag, die Selbstständigkeit aufzugeben.

Sie sagt: „Eine kleine Apotheke rechnet sich einfach nicht.“ Jahrelang stand sie quasi nonstop in der Offizin, machte so gut wie nie Urlaub, beschäftigte drei Mitarbeiterinnen in Teilzeit. „Und abends und am Samstag habe ich Buchhaltung gemacht.“ Oft spielte ihre kleine Tochter, mittlerweile sieben Jahre alt, neben ihrem Schreibtisch.

„Ich hatte immer von einer netten, kleinen Kiez-Apotheke geträumt“, sagt Rotman. Eine, in der man die Kunden noch kennt, weiß, wer gerade Großmutter geworden ist und wer demnächst ein Baby bekommt. Diesen Traum hat sie sich erfüllt. Als der Besitzer der Wieland-Apotheke aus Altersgründen nach einem Nachfolger suchte, einigte man sich schnell. Die Stammkunden blieben treu, mit ihrem Mutter/Kind- und dem Homöopathie-Angebot erarbeitete sich die kleine Apotheke schnell einen zusätzlichen Kundenkreis. Das Gebäude befindet sich gegenüber eines S-Bahnhofs, viel Laufkundschaft gibt es allerdings nicht, es ist eine reine Wohngegend.

„Anfangs war der Umsatz miserabel, ich habe ihn kontinuierlich gesteigert.“ Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem die Lage nicht mehr hergibt. Und Rotman erkannte: „Die Apotheke ist gesund, aber einfach nicht groß genug.“ Ihre eigene Gesundheit litt. Und die Lust, jeden Morgen in die Offizin zu gehen, eines Tages auch. „Ich stand im Sommer in der Apotheke, die meisten waren im Urlaub, nur ich habe gearbeitet. Irgendwann war mir alles zu viel.“ Ein Arzt konstatierte Burnout. Das war der Tag, an dem der Punkt erreicht war, an dem sie ihr Leben ändern musste.

Als noch eine Mieterhöhung drohte, fiel die Entscheidung leichter. Denn reich wurde Rotman als Apothekerin nicht, weitere Mitarbeiter wären finanziell kaum zu stemmen gewesen. Sie wollte verkaufen. „Ich habe vor einem Jahr angefangen, einen Nachfolger zu suchen, leider erfolglos.“ Sie sagt: „Ich hätte auch angestellt in der Apotheke weitergearbeitet.“ Rotman entschied sich schweren Herzens, die Apotheke aufzugeben.

Die Pharmazeutin wuchs auf einem Bauernhof in der Königsbrücker Heide nördlich von Dresden auf. „Meine Eltern haben mir die Liebe zu Tieren und Natur mitgegeben.“ Nach der erweiterten Oberschule machte sie eine PTA-Ausbildung und das Abitur und studierte in Berlin und Halle an der Saale Pharmazie. „Für mich war Pharmazie immer eine geheimnisvolle Welt, mich hat das Mystische fasziniert. Und ich lerne gerne.“ Nach dem Studium hängte sie deshalb noch eine Ausbildung als Heilpraktikerin an.

Um ihre Zukunft macht sie sich keine Sorgen. Die letzten Monate waren nicht einfach, doch mittlerweile sind die Tränen getrocknet und die Welt erscheint wieder in frohem Licht: „Ab 1. Februar arbeite ich als Angestellte in einer Berliner Apotheke.“ 25 Stunden pro Woche. Beinahe paradiesische Zustände für jemanden, der jahrelang selbstständig war. „Ich werde endlich wieder Zeit für meine Tochter haben“, sagt sie. „Man muss immer optimistisch sein! Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge.“ Ein Abschied ist immer auch ein Neuanfang.

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