Die Flucht nach vorn | APOTHEKE ADHOC
Apothekenschließung

Die Flucht nach vorn

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Berlin -

Angesichts einer schwierigen Konkurrenzsituation im baden-württembergischen Neresheim entschloss sich Apothekerin Ulla Birmelin zu einem radikalen Schritt: Ende des Monats wird sie ihre Stadt-Apotheke schließen und beim bisherigen Konkurrenten anheuern. Trotz dieser – auch emotional – für sie harten Entscheidung, ist sie überzeugt, dass in manchen Situationen man auf die Stimme der Vernunft hören sollte.

Lange Zeit war die Stadt-Apotheke, die 1811 eröffnete, die einzige Apotheke in Neresheim. 1956 kaufte der Vater von Birmelin die Apotheke. Vor 30 Jahren übernahm die heute 59-Jährige selbst das Ruder. Bereits 1971 hatte die Stadt-Apotheke mit der Marien-Apotheke einen Konkurrenten bekommen. „Schon damals war es fraglich, ob die zwei Apotheken wirklich gebraucht werden“, berichtet Birmelin. „Aber wir haben uns arrangiert und jeder hat sich über die Jahre seinen Kundenstamm aufgebaut.“

Doch vor einigen Jahren kündigte die Politik an, ein Ärztehaus im Ort bauen zu wollen. Zwar wurde laut Birmelin beiden alteingesessenen Apothekern der Standort angeboten, keiner von ihnen habe allerdings hinziehen wollen. „Sowohl ich als auch mein Kollege sitzen in eigenen Häusern“, erläutert die Apothekerin ihre Entscheidung gegen den Umzug. „Außerdem biete ich in meiner Apotheke zahlreiche Leistungen an, die schlicht eine größere Fläche erfordern. Die Apotheke im Ärztehaus war einfach zu klein dafür. Die Service-Angebote für meine Kunden wollte ich aber auch nicht streichen.“

Wider Erwartung hat sich am Ende ein ortsfremder Apotheker bereit erklärt, im Ärztehaus eine Filiale zu eröffnen. „Mit einer solchen Entwicklung hat niemand gerechnet“, erinnert sie die Apothekerin. „Neresheim hat zwar offiziell knapp 8000 Einwohner, besteht aber aus mehreren Ortschaften, die sich auf eine recht großen Fläche verteilen.“ Das vorhandene Kundenpool reiche eigentlich nur für zwei Apotheken. Auf neue Kunde könne man ebenfalls nicht hoffen. Denn zwar seien die Einwohnerzahlen seit Jahren stabil, ein Wachstum sei allerdings nicht zu erwarten.

„Durch unseren treuen Kundenstamm konnte ich zwar eine gewisse wirtschaftlichen Stabilität erreichen“, berichtet Birmelin. Allerdings musste dafür Personal abgebaut werden. Zwar habe sie keine Mitarbeiter entlassen müssen, berichtet die Pharmazeutin. Frei werdende Stelle seien aber nicht neu besetzt worden. Inzwischen sei sie die einzige Approbierte in ihrem fünfköpfigen Team und müsse damit immer in der Apotheke anwesend sein. Das führt dazu, dass die Apothekerin Woche für Woche auf über 60 Arbeitsstunden kommt. „Da kann man nicht mehr von einer angemessenen Work-Life-Balance sprechen. Schon gar nicht in meinem Alter“, betont sie.

Auch wenn es ihr alles andere als leicht fiel, hat sich Birmelin deshalb zu einem radikalen Schritt entschlossen: Sie wird ihre Apotheke zum 26. April schließen und fortan bei ihrem bisherigen Konkurrenten Jens Boving, der nur vier Häuser weiter seine Filiale im Ärztehaus betreibt, anheuern. „In unserer Gemeinde ist objektiv betrachtet einfach kein Platz für drei Apotheken“, stellt sie nüchtern fest. „So, wie es bis jetzt lief, würde auf Dauer für keine der Apotheken wirklich gut funktionieren. Ich habe einfach die Flucht nach vorn ergriffen.“

Doch nicht nur sie wechselt in die Apotheke im Ärztehaus. Eine nicht verhandelbare Bedingung für den Deal sei gewesen, dass Boving das gesamte Team der Stadt-Apotheke übernimmt. Die Verhandlungen seien hart und langwierig gewesen, am Ende konnte sich die Apothekerin, die immerhin ihren seit Jahrzehnten aufgebauten Kundenstamm mitbringt, aber durchsetzen. Sie und ihr Team werden ab 1. Mai ihre Kunden am neuen Standort beraten. Was aus der rund 180 Quadratmeter großen Räumen der Stadt-Apotheke dann wird, ist derzeit noch offen. Birmelin möchte sie gern vermieten.

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