Interview Professor Dr. Stephan Schmitz (BNHO)

„Wir brauchen kompetente Apotheken“

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Berlin -

Über Ausschreibungen über Zytostatika wurde vor Gericht lange gestritten, bis das Bundessozialgericht (BSG) die freie Apothekenwahl kippte. Doch nicht nur Apotheker, sondern auch Mediziner sehen die Entwicklung kritisch: Professor Dr. Stephan Schmitz ist Vorsitzender des Bundesverbands der niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (BNHO). Mit zwei Kollegen betreibt er eine Praxis in Köln und betreut im Monat rund 100 Chemopatienten. Den Ausschreibungen kann er nichts abgewinnen – denn sie stören nicht nur die Praxisabläufe, sondern schaden auch den Patienten.

ADHOC: Warum sehen Sie die Ausschreibungen kritisch?
SCHMITZ: Die Ausschreibungen führen zu einem Herausfallen der Apotheken aus dem onkologischen Versorgungsplan. Der nationale Krebsplan definiert onkologische Zentren als „ein Netz von qualifizierten und zertifizierten interdisziplinär und transsektoralen gegebenenfalls standortübergreifenden Einrichtungen, die, sofern fachlich geboten, möglichst die gesamte Versorgungskette für Betroffene abbilden“. Die Krebsbehandlung sollte demnach eine kooperative, multiprofessionelle Versorgungsstruktur darstellen, zu der sich Kooperationspartner freiwillig zusammenschließen. Und zu diesem Netzwerk gehören auch die zytostatikaherstellenden Apotheken. Diese Netzwerke werden durch die Ausschreibungen zulasten der Patienten beschädigt. Zudem würden sich bei mehr als einer erfolgreichen Ausschreibung der Managementaufwand für die Praxen massiv erhöhen.

ADHOC: Welche Bedeutung haben diese Netze für die Patienten?
SCHMITZ: Die regionalen Netzwerke sind wichtig. Sinn ist Kooperation und Kommunikation, genau das, was die Politik und wir seit vielen Jahren im Krebsplan gefordert haben. Wir telefonieren jeden Tag mehrmals mit der Apotheke: Es gibt immer wieder Rückfragen und Nachfragen zu der individuellen Therapie, zu Dosierung und Nebenwirkungen. Die Zytostatika-Versorgung ist kein standardisierter Prozess, sondern ein höchst individueller Prozess. Wir wollen qualifizierte Zytostatika Apotheken nicht durch Ausschreibungen am Markt verdrängen, sondern genau das Gegenteil, wir wollen sie mit ihrer klinisch pharmakologischen Kompetenz in Zukunft noch mehr in die onkologische Netzwerke integrieren.

ADHOC: Welche Rolle spielt dabei die Zusammenarbeit mit einer bestimmten Apotheke?
SCHMITZ: Die Kette der Zytostatikaherstellung ist ein komplexer Prozess. Ich möchte wissen, wer die Arzneimittel herstellt und mir selber ein Urteil bilden können, ob der Partner kompetent und zuverlässig ist. Immerhin handelt es sich bei Zytostatika um hochtoxische Medikamente. Ich möchte zusätzlich klinisch pharmakologische Dienstleistungen organisieren können, zum Beispiel Arzneimittelinteraktionen.

ADHOC: Welche Folgen hätten Ausschreibungen für die tägliche Arbeit?
SCHMITZ: In unserer Praxis ist eine Krankenschwester etwa einen halben Tag lang damit beschäftigt, Therapiepläne vorzubereiten, die Dosierung zu berechnen, das Rezept ausstellen und unterzeichnen zu lassen, es der Apotheke zukommen zu lassen, deren Rückmeldung aufzunehmen und das Rezept gegebenenfalls ändern und erneut unterschreiben zu lassen. Dieser Prozess ist hochkomplex, sehr gut eingespielt und würde durch eine Ausschreibung extrem erschwert.

ADHOC: Was wäre denn so schlimm daran, wenn Sie eine neue Apotheke zugeteilt bekämen?
SCHMITZ: Würde es bei einer einzigen Ausschreibung bleiben, wäre das noch zu managen. Doch wenn sich mehr Kassen für diesen Weg entscheiden, bedeutet das für uns Onkologen, dass wir mit mehreren Apotheken zusammenarbeiten müssen – und jede hätte eigene Anforderungen und Abläufe. Das würde einen erheblichen organisatorischen Mehraufwand bedeuten.

ADHOC: Mit mehr Personal ließe sich das doch lösen...
SCHMITZ: Das bezahlt aber niemand. Wir arbeiten mit budgetierten Leistungen und erbringen heute schon jeden Tag unbezahlte Mehrarbeit. Wir können das dann nicht mehr leisten. Unsere Vergütung wurde im Rahmen der Onkologievereinbarung seit 1994 nicht mehr angepasst. Im Rahmen des EBM sind die Honorare seit Jahren drastisch gesunken. So eine Ausschreibung ist sozusagen ein Vertrag zulasten Dritter. Die Krankenkassen sparen, und unser Zusatzaufwand wird nicht honoriert. Ich halte das für eine inakzeptable Entwicklung. Aber die Ausschreibungen führen nicht nur zu mehr Aufwand in den Praxen, sondern gefährden auch die Sicherheit der Patienten.

ADHOC: Inwiefern wäre der Patient betroffen?
SCHMITZ: Wie schon oben erwähnt, halte ich die onkologischen Netzwerke für die Versorgung der Patienten für sinnvoll und wertvoll. Multiple Schnittstellen führen in der Regel zu einer reduzierten Prozess- und schlechteren Versorgungsqualität. Und wir brauchen kompetente Zytostatika-Apotheken und auch ihre individuellen Beratungsleistungen. Doch durch die Ausschreibung züchten die Krankenkassen Oligopole. Und die sind in der Regel nicht sehr serviceorientiert.

ADHOC: Erwarten Sie in Zukunft weitere Zytostatika-Ausschreibungen?
SCHMITZ: Ich hoffe, dass es die eine oder andere Krankenkasse geben wird, die weitsichtig ist und nicht zu dem Mittel der Ausschreibung greift. Aber nach dem BSG-Urteil haben wir nur wenig Chancen. Die Patientenwahlfreiheit ist ja, wenn ich das als juristischer Laie sehe, durch das BSG zu Gunsten fiskalischer Gründe vollkommen abgeschafft.

ADHOC: Sollte die Versorgung den Kassen mehr wert sein?
SCHMITZ: Ich denke ja. Den Ansatz, immer und in jeder Situation extrem zu sparen, halte ich grundsätzlich für falsch. Die Qualität, die man fordert, muss auch finanziert werden. Man muss meines Erachtens und nicht nur kurzfristig darauf schauen, dass man durch die Ausschreibungen nicht ein System fördert, das am Ende des Tages doch die wohnortsnahe Versorgung der Patienten beschädigt. Ich kann zwar den großen Druck auf die Kassen, zu sparen, nachvollziehen – aber ich sehe da auch viel Aktionismus und vielleicht nur kurzfristige Effekte. Deshalb fände ich es gut, wenn die Politik eingreift und klarstellt, wo die Grenzen liegen.

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