ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

So entstand der E-Rezept-Fahrplan

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Berlin -

Wann kommt das E-Rezept? Kommt es überhaupt noch – oder nur in Kiel? Oder ist es schon da und wir haben es alle nicht bemerkt? Das Bundesministerium der Verwirrung und die Geheimatik verunsichern nicht nur die Analysten an der Börse, sondern auch die armen Ärzt:innen im Norden und Süden des Landes. Wir wissen jetzt, woran es liegt.

Also eigentlich wurde das E-Rezept schon zum Jahreswechsel verpflichtend eingeführt. Das gilt sogar bis heute. Gerade noch rechtzeitig wurde aber entschieden, dass das gar nicht geht und die Technik noch viel mehr getestet werden muss – oder wenigstens mal installiert. 30.000 E-Rezepte später wollte man nachsehen, wie es läuft. 30.000 Papierrezepte werden von den Ärzt:innen übrigens im Durchschnitt alle 10 Minuten ausgestellt. So verwunderte es nicht, dass Minister Karl Hammersbald Lauterbach nach 15.000 E-Rezepten unruhig verkündete, im Sommer sei es sicherlich soweit. Die Aktienkurse der Versender schöpften Hoffnung.

Bei der Gesellschafterversammlung der Gematik am Montag konnte man sich aber erneut nicht auf einen verbindlichen Fahrplan einigen. Die Kurse stürzten in den Keller. Wenige Tage später wurden die Pläne des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) bekannt: E-Rezept in allen Apotheken ab 1. September und zur gleichen Zeit in ALLEN Arztpraxen in Schleswig-Holstein und Bayern. Die Kurse erholten sich zaghaft.

Erpressung und Burnout

Da aber die Börsenkurse für die Versorgung der Menschen mit Arzneimitteln so gar keine Rolle spielen und andererseits für die vorgesehene regionale On/Off-Systematik kein Grund erkennbar war, waren die Fragezeichen groß und der Widerstand heftig. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) in Nord und Süd sprachen von „politischer Erpressung“, der Virchowbund befürchtet einen „E-Rezept-Burnout“ in den Praxen. Und die Apothekenrechenzentren warnten vor Versorgungsengpässen: „Das kann nicht funktionieren.“

Nun hat zwar das BMG seit der Lex Spahn in der Gematik die Hosen an, aber die als Minderheitsgesellschafter vertretenen Ärzte haben mehr als einmal bewiesen, dass sie ein sehr ungemütlicher Juniorpartner sein können. Die KBV hat die Einführung des E-Rezept im Dezember schon einmal mehr oder weniger im Alleingang abgesagt. Zur Sicherheit schob die Gematik kurz vor dem Wochenende noch hinterher, dass es noch keinen Fahrplan gebe und man sich Ende Mai wieder zusammensetzen werde. Voraussichtlich Ende Mai.

Landkarte mit E-Rezept-Apotheken

Was das mit den Börsenkursen gemacht hat, ist mir für den Moment egal. Dem neuen Minister auch. Der lässt den E-Rezeptomaten noch einmal laufen, seine Slot Machine digitalisierter Gesundheitsversorgung (s. Abbildung oben). Dann liest er das Datum ab. Und dann verkündet er etwas anderes. Wir werden uns schon noch daran gewöhnen. Und einige sind sogar noch mit richtig Enthusiasmus dabei und wollen für Sie dafür bezahlen, wenn Sie von Ihren ersten E-Rezepten erzählen. Mit anderen Worten: Ihr ganz persönlicher Kurs steigt jetzt auch. Also machen Sie mit!

Zumal: Die Gematik weist jetzt alle Apotheken transparent aus, die E-Rezept-ready sind. Dazu gibt es ein höchstübersichtliche Landkarte, die je nach eingestelltem Zoom wirklich ready aussieht. Einschränkung: Es handelt sich dabei um eine Selbsterklärung der Apotheken. Und solange keine Praxis im Umfeld sich bis zum Burnout digitalverordnet, kann man als Apotheke auch bluffen. Und raten Sie mal: Das ist tatsächlich schon passiert.

Nicht nur die Versender warten voller Ungeduld auf das E-Rezept, auch die Schnelllieferdienste. Sehr ausführlich haben wir uns mit Mayd & Co. im Podcast NUR MAL SO ZUM WISSEN befasst. Wer zahlt eigentlich die letzte Meile? Und kann sich das jemals lohnen?

Apotheke zu beschäftigt für uns

Noch ein wichtiger Punkt: Darf die Apotheke eigentlich externe Dritte an ihrem Umsatz beteiligen? Dass sich diese Frage auch Verbünde gefallen lassen müssen, die den Apotheken näher stehen, bekommt jetzt Gesund.de zu spüren. Die Plattform wird von der Apothekerkammer Nordrhein verklagt.

Absolut auf der rechtlich sicheren Seite dürfte die Plattform Deutsche Medz sein. Hier läuft wirklich alles schulbuchmäßig. Einwandfrei. Auf unsere Frage, ob wir denn die anbgeblich in Bochum angesiedelte Partnerapotheke zu unserer Bestellung befragen dürften, hieß es: „Guten Tag, Wir koennen leider nicht die Kontakt daten den Apotheke ihnen anbieten, weil die zu beschaeftigt sind. Gruss.“

Immerhin eine positive Meldung habe ich noch für Sie: Die gelockerte Abgaberegeln am HV-Tisch bleiben locker, wenigstens erstmal bis Ende November. Die Abda wünscht sich permanente Beinfreiheit, die Krankenkassen wünschen sich die Zwangsjacke zurück. Mal sehen, was Minister Lauterbach dazu noch verordnen wird. Bei seinem angedrohten Spargesetz legt er sich terminlich ja auch immer wieder neu fest. Thomas Ballast (TK) glaubt zu wissen, dass es nach der morgigen NRW-Wahl so weit sein wird. Über die berichte ich Ihnen morgen hier.

Und wenn Sie jetzt Notdienst haben: Schicken Sie einen Videogruß an Günther Jauch. Das kommt gut an. Schönes Wochenende!

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