Unzureichende Tests, desaströse Kommunikation

Virchowbund: Praxen droht „E-Rezept-Burnout“

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Berlin -

Die Vorbehalte der Ärzt:innen gegen das E-Rezept sind so groß wie eh und je. Nach den Kassenärztlichen Vereinigungen in Bayern und Schleswig-Holstein kritisiert auch der Virchowbund als Vertretung aller Niedergelassenen die geplante verpflichtende Einführung ab 1. September. Der Start stehe unter schlechten Vorzeichen: „Denn nach einer unzureichenden Testphase torpediert nun auch desaströse Kommunikation das Projekt.“

Bayern und Schleswig-Holstein sollen als erste Bundesländer bis 1. September das E-Rezept einführen, ab 1. Dezember sollen weitere Bundesländer folgen. Ab Februar 2023 soll es in ganz Deutschland Pflicht sein. Die Staffelung, die von der Gesellschafterversammlung der Gematik auf einer Sondersitzung Ende Mai beschlossen werden soll, gilt nur für die Praxen. Apotheken müssen ohnehin ab dem dritten Quartal in der Lage sein, E-Rezepte zu empfangen und zu bearbeiten.

Das E-Rezept kann laut Virchowbund aber erst dann als ausreichend getestet gelten, wenn es auf allen Praxisverwaltungssystemen und bei allen Fachrichtungen stabil läuft. Selbst kleine Probleme führten durch die schiere Masse an Rezepten, die in einer durchschnittlichen Arztpraxis anfallen, zu einem enormen Mehraufwand.

Darunter leiden laut Verband nicht nur die Ärztinnen und Ärzte, sondern auch die medizinischen Fachangestellten. Nach über zwei Jahren Pandemie seien viele Mitarbeiter:innen in den Praxen ausgebrannt und kurz davor, ihrem Beruf den Rücken zu kehren. „Der schon jetzt spürbare Fachkräftemangel würde dadurch massiv verschärft. Viele Praxen könnten dann nur noch deutlich weniger Patienten behandeln oder müssten sogar schließen“, warnt Dr. Veit Wambach. Der Hausarzt ist Vorsitzender der Landesgruppe Bayern im Virchowbund sowie stellvertretender Bundesvorsitzender.

Pflichtanwendungen für Praxen müssten so entwickelt werden, dass sie tatsächlich eine Erleichterung für Patienten und Ärzte bieten, schließt sich auch Matthias Seusing, Landesgruppenvorsitzender in Schleswig-Holstein, an: „Bundesgesundheitsminister Professor Dr. Karl Lauterbach hat noch zu Anfang des Jahres erklärt, er habe das E-Rezept vorerst gestoppt und wolle eine umfassende Digitalisierungsstrategie vorlegen. Von dieser Strategie ist weit und breit nichts zu sehen.“

Beide Landesgruppenvorsitzenden kritisieren, dass fehlerbehaftete Anwendungen ohne dahinterliegende Strategie per Zwang umgesetzt werden müssen und die zuständigen Kassenärztlichen Vereinigungen darüber erst verspätet informiert werden. „Wieder einmal sorgen der Minister und die Gematik durch ihr Projektmanagement und ihre Kommunikation dafür, dass zentrale Partner wie die Ärzteschaft und MFA verprellt werden.“

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