Angesichts eines extremen Fachkräftemangels und der drohenden Überlastung von Apothekeninhaberinnen und -inhabern plädiert Vertretungsapotheker Gerrit Köster aus Schleswig-Holstein für ein radikales Umdenken: Um den Betrieb am Laufen zu halten und Fachkräfte zu entlasten, muss die Branche „über den Tellerrand schauen“. Sein Ansatz sieht vor, gezielt fachfremdes Personal für bürokratische und organisatorische Aufgaben einzusetzen, damit Apothekenteams wieder den Freiraum für ihre eigentliche Kernkompetenz gewinnen – die Beratung der Patienten.
Der Fachkräftemangel in deutschen Apotheken erschwert vielen Teams den Alltag. „Wir haben eine extreme Personalknappheit“, berichtet Köster. Der Apotheker, der auch Fachberater im Gesundheitswesen ist, schildert fatale Folgen für Inhaberinnen und Inhaber. „Viele arbeiten in einer Sechs-Tage-Woche ohne Pause, während das Stammpersonal mit dem Abwandern in andere Branchen liebäugelt.“ Das Problem sei oft nicht der fehlende Wille, in der Apotheke zu arbeiten, sondern die wirtschaftliche Realität: „Wir haben wenige PTA und PKA, die in ihrer Branche noch zufrieden sind“, so Köster.
So sei es auch keine Überraschung, dass PKA sich am Einzelhandel orientieren. „Eine Angestellte kam mal zu einem Inhaber und sagte, dass Lidl ihr 20 Euro die Stunde zahle und ob man ihr da entgegenkommen könne“, berichtet Köster. „Viele Inhaber würden ihren Angestellten gerne fünf oder zehn Prozent mehr Gehalt zahlen, doch das Betriebsergebnis lässt es schlicht nicht zu.“ Aber es sei nicht nur das Geld: „Oft fungieren die Mitarbeitenden in Apotheken als Blitzableiter für frustrierte Kundinnen und Kunden. Damit kann nicht jeder umgehen, auch deshalb ist der Wechselwille groß“, so Köster.
Die Lösung liegt für ihn darin, radikal umzudenken und über den Tellerrand hinauszublicken. Ganz nach dem Motto: „Es muss nicht nur pharmazeutisches Personal in der Apotheke beschäftigt sein.“ Wer das bezweifle, den möchte er an die gängige Praxis erinnern: „Jeder, der mir widerspricht, soll bitte seinen Botendienst und seine Reinigungskraft entlassen – das sind auch keine Pharmazeuten.“
Das Ziel dieser Strategie sei die konsequente Entlastung der Fachkräfte. Während PTA und Apothekerinnen oder Apotheker ihre Kernkompetenz – die Beratung und Medikationsanalyse – ausspielen sollten, bleibe oft wertvolle Zeit an der Bürokratie hängen. „Einer Klientin, die nach der Übernahme einer Apotheke in ‚Steuerbürokrams‘ und der Personalplanung zu versinken drohte, riet ich kurzerhand: Stell eine Bürokauffrau ein.“ Die Inhaberin sollte so den nötigen Freiraum zurückgewinnen, um sich wieder voll auf ihre Patientinnen und Patienten konzentrieren zu können, so Köster.
Doch warum sollte eine Fachkraft aus dem Büro oder dem Einzelhandel in die Apotheke wechseln? Für den Experten ist die Antwort klar: „Während man im Einzelhandel oft unter massivem Zeitdruck Regale einräumt, biete die Apotheke ein sinnstiftendes, spannendes Umfeld. Inhaber sind dankbar, dass jemand das Rechnungswesen abnimmt, und das strahlen sie dann auch aus.“ Der Wechselwille sei mittlerweile in fast jeder Branche sehr groß.
Auch bei der Marktentwicklung setzt Köster auf fachfremde Expertise. In Zusammenarbeit mit Fachhochschulen bringt er Wirtschaftspsychologinnen und -psychologen in die Apotheken. „Diese analysieren Kundenströme und Marketingfragen, von denen Pharmazeuten im Studium nie gehört haben“, erklärt er. Sein Appell: „Hol dir die Expertise an Bord, die du nicht hast.“ Ob Betriebswirtinnen oder -wirte für die Zahlen, Einzelhandelskaufleute für die Warenwirtschaft oder Kosmetikfachberaterinnen oder -berater für einen separaten Counter – das Potenzial sei riesig. „Einzelne Kassen, die beispielsweise den Kosmetikverkauf übernehmen und sich klar vom pharmazeutischen Personal abgrenzen, können auch eine Möglichkeit sein.“ In einigen Apotheken sei das bereits gang und gäbe.
Besonders die „Ängstlichen“ unter den Apothekerinnen und Apothekern sowie die Kammern nimmt er in die Pflicht. Man müsse die rechtlichen Spielräume nutzen: „Fachfremdes Personal ist legal und sicher, solange es in seinem Kompetenzbereich eingesetzt wird. Für die Zukunft der Vor-Ort-Apotheke ist dieser Schritt essenziell, um nicht zwischen Fachkräftemangel und Überlastung aufgerieben zu werden.“
Auch den jungen Inhaberinnen und Inhabern rät er zu fachfremden Personal. „Es gibt die Gruppe der hochmotivierten jungen Inhaber, die endlich ihr eigener Chef sind und dann dementsprechend auch alles selber erledigen wollen“, berichtet Köster. Sein Fazit: „Sich den Rücken durch fachfremdes Personal freihalten, um vorne im HV mehr Zeit für den Menschen zu haben, lohnt sich.“
In dieser Folge unserer Videoreihe geht es um Prozess-Optimierung: Wie lassen sich Bestellprozesse in Apotheken effizienter gestalten – wirtschaftlich, praxistauglich und softwaregestützt? Mit dieser Frage beschäftigt sich PKA Anja Löst.
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Transkripte der 5-teiligen Videoreihe
Teil 1 “Handelsspannenausgleich”
Teil 2 “Bestellprozesse”
Teil 3 "Bestellungen bündeln"
Teil 4 “Wirtschaftlich bestellen”
Teil 5 “Kommunikation am HV”

