Impfkampagne: Es geht an die Substanz

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Berlin - Nun soll es plötzlich ganz schnell gehen: Erst startet die Impfkampagne als Debakel, kommt dann nicht voran – und auf einmal sieht es so aus, als ob bis Ende des zweiten Quartals die Hälfte der Bevölkerung mindestens erstgeimpft ist. Ein vom Himmel gefallener Segen ist das nicht. Im Gegenteil: Nicht im Himmel, sondern am Boden sitzen diejenigen, denen das jetzige Vorankommen zu verdanken ist. Daran zeigt sich aber auch, welchen Wert die Politik seit Jahren vernachlässigt, kommentiert Tobias Lau.

Es geht aus einem Grund voran: Die Impfkampagne wird in diesen Tagen final in die Hände des Bodenpersonals im Gesundheitswesen gegeben, Apotheker:innen und Ärzt:innen. Die Struktur der patienten- und wohnortnahen, inhabergeführten Versorgung verrichtet jetzt das, was die Organisationskünste von Bund und Ländern nicht können. Sie wird den Durchbruch ermöglichen.

Das ist symbolisch dafür, wo Deutschland im 21. Jahrhundert steht: Als das Land eine zentral gesteuerte Impfkampagne auf die Beine stellen musste, versagte es. Und das lag nicht daran, dass Kommunen beim Umbau der Messehallen in Rekordtempo versagt oder dass sich nicht genug Ärzt:innen, Apotheker:innen und PTA freiwillig zum Einsatz gemeldet hätten. Nein, der Fisch stinkt vom Kopf her – wie sich gerade wieder zeigt: Das Land hat eine Substanz, von der es gut lebt und auch in Krisenzeiten profitiert. Darin unterscheidet sich das Gesundheitswesen nicht von anderen Sektoren der Wirtschaft. Um die Innovationskraft ist es schlecht bestellt, aber der Motor der gealterten Industriegesellschaft brummt nach wie vor. Das Land ist stabil.

Natürlich spielte mangelnder Impfstoff bei den Schwierigkeiten zu Beginn der Impfkampagne eine wesentliche Rolle und die EU hat sich bei der Beschaffung wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Umgekehrt scheinen ihre Vorwürfe gegen Konzerne wie AstraZeneca durchaus stichhaltig. Nicht zuletzt Gerichte werden hier etwas mehr Klarheit bringen müssen. Ein großer, wenn nicht gar der größte Teil des Debakels war allerdings hausgemacht: Bürokratie, komplizierte und inkongruente Entscheidungsprozesse, Grabenkämpfe zwischen Interessengruppen, fehlende digitale Infrastruktur.

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