Finanzamt

Betriebsprüfung: Harte Zeiten für Apotheker Lothar Klein, 19.07.2017 10:23 Uhr

Berlin - Die Finanzämter machen Jagd auf Apotheken: Seit Monaten werden Apotheker bundesweit mit Betriebsprüfungen überzogen, offenkundig verschärft in NRW. „Da kocht es“, beschreibt der auf die Betriebsprüfungen von Apotheken spezialisierte Steuerberater und Rechtsanwalt Dr. Bernhard Bellinger die Lage. Im Intranet hätten sich die Finanzämter vernetzt und gezielt „Störmasse“ gesammelt. Kommt der Betriebsprüfer in die Apotheke, kennt er die Schwachstellen jeder Software.

Seit 2010 haben die Finanzämter begonnen, sich im Intranet der Finanzverwaltung zu vernetzten, die Erfahrungen der Betriebsprüfer vor Ort zu sammeln, zu dokumentieren und daraus ein Prüfungsmuster zu erstellen. Daraus ist inzwischen ein riesiger Informationstopf entstanden. Betriebsprüfer, die sich in das Intranet der Finanzämter einloggen, geben zunächst die Branche ein. Bei Apotheke erscheint dann eine Liste aller gängigen Warenwirtschaftssysteme mit ihren Schwachpunkten. Anhand dieser Liste können die Betriebsprüfer gezielt Fehler in den Steuerdaten der Apotheken aufspüren.

„Die Apotheker scheinen oft chancenlos“, sagt Bellinger. Im Kern gehe es häufig als Anknüpfungspunkt für Hinzuschätzungen um die Verfahrensdokumentation. „Damit haben die meisten Softwarehäuser häufig Probleme, insbesondere, wenn neue Rechtsprechung aus 2015 auf frühere Jahre angewandt wird“, so Bellinger. Bestellt beispielsweise ein Kunde telefonisch seine Rx-Arzneimittel, bereitet der Apotheker die Abgabe vor. Dazu wird in der Regel ein Abhol-Bon mit Strichcode erstellt, mit dem bei der Abholung der Abverkaufsvorgang beschleunigt wird. Die Ware wird bei dieser Praxis schon aus dem Warenlager ausgepflegt, um Nachbestellmechanismen anzustoßen. Kommt der Kunde aber nicht, gibt es ein Problem. Der Vorgang steckt häufig in der Software fest. Für das Finanzamt ist Ware und Geld geflossen. Dass der Kunde die Bestellung nicht abgeholt hat, ist häufig nur schwer zu belegen.

Mit der gezielten Prüfung der Schwachstellen sind die Betriebsprüfer nur auf Eines aus: die Schätzung. „1 bis 2 Prozent des Barumsatzes veranschlagen die Betriebsprüfer“, so Bellinger. Bei einer Apotheke mit zwei Millionen Euro Umsatz und 70 Prozent GKV-Umsatz kommen so schnell Beträge von 6000 Euro bis 12.000 Euro Hinzuschätzungen zusammen – pro Jahr versteht sich. Rund 70 Prozent davon entsprechen durchschnittlich dem Nachzahlungsbetrag. Bei Betriebsgewinnen von 100.000 Euro bis 120.000 Euro kann das eine Apotheke rasch in finanzielle Schwierigkeiten treiben.

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