Familientradition

Stiefväterliche Apotheke zurückgekauft

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Berlin -

Mut zur Landapotheke: Als kleines Kind hatte Alina Lang hier schon gespielt. Mit 33 und zwei eigenen Sprösslingen im Schlepptau hat sie den alten Betrieb ihres Stiefvaters in Hofgeismar zurückgekauft.

Am 1. Januar 1984 eröffnete Jürgen Schmidt in Hofgeismar bei Kassel seine Brunnen-Apotheke. Im selben Jahr kam Alina Lang im Ruhrgebiet zur Welt. „Ein Jahr später begann meine Mutter mit ihrem Biologiestudium in Kassel und zog mit mir nach Hofgeismar. Hier haben sich die beiden kennengelernt“, erzählt Lang. „Ich wurde mit der Apotheke und ihren Mitarbeitern groß. Als Kind saß ich in der Spielecke, nach der Schule besuchte ich immer meine Mutter, die hier die Büroarbeit machte.“ Die Atmosphäre sei immer sehr herzlich gewesen. „Mein Stiefvater war ein manchmal strenger, aber immer sehr gerechter Chef“, beschreibt sie. „Ihm war ein gutes Betriebsklima immer sehr wichtig.“

Im November 2003 starb Schmidt. Ihre Mutter übernahm vorübergehend die Verwaltung der Brunnen-Apotheke. Mit Dr. Susanne Morlang fand sie 2005 eine Käuferin. Ihr gehören auch die Mohren-Apotheke am Ort sowie die Brücken-Apotheke in Gieselwerder und die Greif-Apotheke in Bodenfelde.

Trotz ihrer Nähe zur Apotheke war für Lang keineswegs ausgemacht, in die Fußstapfen ihres Stiefvaters zu treten. „Mich hat die Medizin schon sehr interessiert, obwohl ich eigentlich weder Blut noch Nadeln sehen kann. Mein leiblicher Vater ist Arzt, da wurde mir das quasi in die Wiege gelegt.“ Zuerst erprobte sie sich in der Tiermedizin, doch bei einem Schulpraktikum stellte sich heraus, dass das nicht so das Richtige war. „Nach dem Abitur wusste ich noch immer nicht, in welche Richtung es gehen sollte. Ich hatte Biologie als Leistungskurs im Abitur, die Naturwissenschaften lagen mir“, erinnert sich Lang.

Ein Nebenjob führte sie mit 18 zurück in die Brunnen-Apotheke. „Für ein paar Monate habe ich den Botendienst ausgefahren. Also versuchte ich mal die PTA-Ausbildung.“ Schon im ersten Jahr habe sie gemerkt, dass ihr das Lernen leicht von der Hand ging, also habe sie bereits während der Ausbildung das Pharmaziestudium ins Visier genommen. „Doch wenn ich etwas anfange, dann beende ich es auch“, betont Lang. Im März 2007 schloss sie als Jahresbeste mit Auszeichnung ab und erhielt danach sofort einen Studienplatz in Marburg.

Die Uni sei noch mal eine ganz andere Hausnummer gewesen. „Wer sagt, das Pharmaziestudium falle ihm leicht, muss ein Genie sein.“ Gerade das theoretische Spektrum sei sehr viel breiter gefächert als in der PTA-Ausbildung. Dennoch habe sie das Studium erfolgreich in der Regelstudienzeit von acht Semestern abschließen können. „Das erste Staatsexamen war okay, dafür habe ich das zweite Staatsexamen als Semesterbeste bestanden.“ Zum praktischen Jahr zog es sie bereits zurück in die Brunnen-Apotheke. Nach ihrer Approbation 2012 arbeitete sie hier fest als angestellte Apothekerin. „Nur als zwei Jahre später meine Tochter geboren wurde, habe ich eine Elternzeit eingelegt.“

Seelisch bereitete sich Lang schon eine Weile auf eine Übernahme vor. „Frau Morlang hat gesagt, wenn es mal passt, dann werde ich die Brunnen-Apotheke wieder an dich abgeben.“ Doch insgeheim habe sie gehofft, noch ein wenig mehr Zeit zu haben. Mitte des letzten Jahres kam ihr kleiner Sohn auf die Welt. Etwa zu dieser Zeit meldete ihre Chefin an, Verantwortung abgeben zu wollen. „Sie bot mir die Apotheke zum Kauf an“, sagt Lang. „Ich habe mir den Entschluss nicht leicht gemacht. Aber irgendwann wurde mir klar, dass die Selbstständigkeit insgeheim ohnehin mein Ziel war.“

Apothekenbesitz und Mutterschaft unter einen Hut zu bringen, gelinge ganz gut. Die Notdienste übernimmt sie selbst. „Ich habe viel Familie im Hintergrund, die mich unterstützt“, sagt Lang. „Mein Mann ist zwar selbst berufstätig, aber meine Mutter wohnt im Haus und übernimmt ihre Oma-Pflichten.“

Auch die personelle Ausstattung spiele ihr dabei in die Hände: „Wir haben vier Approbierte in der Apotheke, so kann ich mich mal zwischendurch herausziehen, ohne dass die Präsenzpflicht verletzt wird.“ Manche Betriebe hätten Schwierigkeiten, qualifizierten Nachwuchs zu finden. „Viele wollen nach ihrem Studium in die Krankenhausapotheke oder in die Industrie.“ Sie selbst sei dagegen gut aufgestellt. „Ich hatte das große Glück, dass ich die Mitarbeiterinnen von meiner Vorgängerin übernehmen konnte.“

Neben der Brunnen-Apotheke sind noch zwei weitere Apotheken in Hofgeismar geblieben. Um die Zukunft ist ihr nicht bange. „Hofgeismar ist eine Kleinstadt, aber mit großem Einzugsgebiet“, erläutert Hahn. „Mit unserem Botendienst versorgen wir quasi auch die Gemeinden drumherum und dort vor allem ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind. Wir haben einen großen Stamm von treuen Kunden, sie schätzen die zum Teil schon seit Jahrzehnten bestehende Bindung zu ihrer Apotheke.“

Die Konkurrenz aus dem Internet sei hier nicht ganz so bedrohlich, was auch an der mangelnden Versorgung läge. „Für die Menschen hier in der Gegend ist es wichtig, dass sie hier einen persönlichen Kontakt finden und auf Wunsch ihre Medikamente zeitnah nach Hause bekommen, das kann nur die Vor-Ort-Apotheke“, sagt Lang.

Mehr Kopfzerbrechen macht ihr der Medizinerschwund. „Zwei Ärzte, einer im Stadtgebiet, der andere im Nachbarort, fanden keinen Nachfolger und mussten ihre Praxis schließen“, berichtet die Jung-Pharmazeutin. „Viele auf dem Dorf wissen nicht, an wen sie sich wenden können. Deswegen ist es wichtig, dass zumindest die Apotheke noch als Ansprechpartner für gesundheitliche Fragen erhalten bleibt, auch wenn sie den Arzt natürlich nicht ersetzen kann.“

Natürlich könne der Wegfall von Rezepten auch zu finanziellen Einbußen führen. „Aber die Resonanz auf mich ist hier bislang sehr gut. Viele Patienten haben mir versichert, dass sie auch bei einer weiteren Anfahrt zur Praxis in Zukunft ihre Rezepte bei mir einlösen wollen. Über diesen Zuspruch freue ich mich sehr.“

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