Blutzuckermessung

Freestyle Libre: Abbott lässt Urlauber im Stich

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Berlin -

Beim Vertrieb seines neuen Blutzucker-Messsystems „Freestyle Libre“ hat der Hersteller Abbott die Apotheken ausgeschlossen. Dass das für die Patienten ernste Konsequenzen haben kann, erfuhr ein deutscher Italienurlauber in dieser Woche. Er musste sich mangels Ersatz für den defekten Sensor ein herkömmliches Gerät in der Apotheke besorgen.

Apotheker Stephan Peer konnte dem Mann, der Montagabend in seiner Apotheke in Lana bei Meran stand, trotz zahlreicher Telefonate nicht helfen: Abbott in Italien verweigerte eine Lieferung des Sensors, da der Patient kein Italiener ist. Abbott Deutschland versendet grundsätzlich nur an Adressen innerhalb Deutschlands; Abbott Österreich nur innerhalb Österreichs. Das gleiche gilt auch für alle anderen europäischen Länder, in denen Abbott Freestyle Libre verkauft.

Am Ende blieb dem Apotheker nichts anderes übrig, als den Touristen mit einem herkömmlichen Gerät auszustatten und ihn darauf umzustellen. Seinen Freestyle Libre kann dieser damit in seinem Resturlaub nicht mehr verwenden.

„Wären die Sensoren normal über den Großhandel erhältlich, wäre ein solches Problem innerhalb weniger Minuten erledigt“, sagt der Südtiroler Apotheker. Die Notfallversorgung von Touristen sei über den Direktvertrieb per Internet jedoch nicht möglich. „Ich finde das keine ideale Lösung“, sagt Peer. Normalerweise könne er bei defekten Messgeräten schnell helfen: Wenn er Ersatzteile nicht in seiner Apotheker vorrätig habe, könne er sie innerhalb eines halben Tages beschaffen.

Der Diabetiker sei „nicht darüber begeistert gewesen“, dass er ihm mit seinem teuer erstandenen Hightech-Gerät nicht helfen konnte, berichtet Peer. Weder in Italien noch in Deutschland ist „Freestyle Libre“ bislang Kassenleistung. Allerdings will die DAK-Gesundheit einigen Versicherten mit schwerem Diabetes das neue Messverfahren schon bald in der Regelversorgung anbieten.

Die deutschen Apotheker sind ungehalten, weil Abbott das Gerät direkt im Internet vertreibt und damit die Apotheken umgeht. Der Bayerische Apothekerverband (BAV) denkt deshalb über rechtliche Schritte nach.

Der Apothekerverband Duisburg/Niederrhein hatte im April auf das Problem in der Notfallversorgung hingewiesen. Insbesondere sahen die Apotheker Klärungsbedarf für den Fall, dass Patienten die Apotheken im Bereitschaftsdienst um Hilfe bitten. Auch die Frage der Vergütung ihrer Beratungsleistung sei noch nicht geklärt: Schließlich landeten die Patienten bei Fragen in der Apotheke.

Freestyle Libre kostet knapp 60 Euro und ermöglicht Patienten, ihre Blutzuckerwerte ohne Stechen und ohne Teststreifen zu messen. Über einen Faden unter der Haut werden die Werte ständig an einen Sensor transportiert. Hält der Patient das Messgerät an den Sensor, erhält er die aktuellen Werte: Glucosespiegel, 8-Stunden-Verlauf und Trend.

Die Nachfrage ist so hoch, dass es bereits zu Lieferengpässen kam. In Österreich ist das Gerät zur Zeit gar nicht verfügbar – Patienten können sich nur für eine spätere Lieferung registrieren. Freestyle Libre ist erst seit November 2014 auf dem Markt. Davor sorgte eine Sicherheitslücke bei Freestyle Libre während der Testphase für Schlagzeilen.

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