Covid-19 und Ruhr-60: Ein Oberpharmazierat erinnert sich

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Berlin - Schulschließung, Ausgangsbeschränkung, Mundschutzpflicht: Die Corona-Krise ist für die meisten eine komplett neue Erfahrung. Doch ältere Menschen erinnern sich an ähnliche Herausforderungen vor vielen Jahrzehnten. Der langjährige Kreisapotheker und Oberpharmazierat Hans Feldmeier aus Rostock, Jahrgang 1924, schilderte in der aktuellen Ausgabe seiner sogenannten „Feldmeier-Postille“ seine Erinnerungen an eine Ruhr-Epidemie Anfang der 1960er-Jahre in der DDR.

Corona machts möglich. Die Apotheken produzieren wieder größere Mengen. Herstellungsgenehmigungen wurden schnell erteilt, doch Stolpersteine blieben: Es fehlten/fehlen entsprechend dimensionierte Gerätschaften wie große Waagen, Flaschen zu 5 und 10 Liter und Ballons/Kanister zur Selbstabholung von Ethanol. Trotz einschränkender Transportbestimmungen (Gefahrenklasse 1522P) stauen sich wie in der Zuckerfabrilk Anklam bis 50 Fahrzeuge (zum Teil Anfahrtswege über 300 km, Wartezeiten über 3 Stunden). Die Feuerwehr überwacht.

Ich erinnere zur DDR-Zeit der Ruhr-Epidemie anno 1960/61. Auch da gab es staatliche Maßnahmen wie Versammlungsverbot und Verhaltenscodices. Empfehlungen zur Herstellung in der Apotheke gab es nicht. Lieferengpässe zu überbrücken war sowieso unser täglich Metier.

Grobdesinfektionsmittel gab es während der damaligen Krise im Wesentlichen ausreichend. Wir besorgten sie uns auch vom Chemiehandel. Zur Händedesinfektion wurde bald Wofasept-Seifengelee der Filmfabrik Wolfen (vormals Agfa) knapp. Die Rostocker St.-Georg-Apotheke kreierte als Eigenanfertigung mit klangvollem Namen „Desinfektions-Gelee Grün“. Welche Rohstoffe wir aus irgendwelchen Quellen besorgten und nach Gutdünken zusammen mixten, erinnere ich nur dunkel (irgendein Phenolderivat, Rivonit aus der Drogerie als Seifenkörper und zur Gelierung wahrscheinlich Ultraamylopektin), wohl aber an Produktion und Konfektionierung. Wir hatten eine Tubenfüllmaschine, aber keine Tuben. Kaum zu glauben, wie innerhalb weniger Tage das Problem gelöst war. Telefonate und Telegramme jagten durch den Äther. Mit Plastetuben half uns die Chlorodont-Fabrik Dresden, Metallklipse zum Verschließen kriegten wir von woanders. Eine Verschlusszange war in der Apotheke.

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