Corona-Krise

Covid-19 und Ruhr-60: Ein Oberpharmazierat erinnert sich APOTHEKE ADHOC, 21.04.2020 09:22 Uhr

  • Corona und Ruhr: Oberpharmazierat Hans Feldmeier aus Rostock erinnert sich an eine andere Epidemie des Jahres 1960. Foto: privat
Berlin -

Schulschließung, Ausgangsbeschränkung, Mundschutzpflicht: Die Corona-Krise ist für die meisten eine komplett neue Erfahrung. Doch ältere Menschen erinnern sich an ähnliche Herausforderungen vor vielen Jahrzehnten. Der langjährige Kreisapotheker und Oberpharmazierat Hans Feldmeier aus Rostock, Jahrgang 1924, schilderte in der aktuellen Ausgabe seiner sogenannten „Feldmeier-Postille“ seine Erinnerungen an eine Ruhr-Epidemie Anfang der 1960er-Jahre in der DDR.

Corona machts möglich. Die Apotheken produzieren wieder größere Mengen. Herstellungsgenehmigungen wurden schnell erteilt, doch Stolpersteine blieben: Es fehlten/fehlen entsprechend dimensionierte Gerätschaften wie große Waagen, Flaschen zu 5 und 10 Liter und Ballons/Kanister zur Selbstabholung von Ethanol. Trotz einschränkender Transportbestimmungen (Gefahrenklasse 1522P) stauen sich wie in der Zuckerfabrilk Anklam bis 50 Fahrzeuge (zum Teil Anfahrtswege über 300 km, Wartezeiten über 3 Stunden). Die Feuerwehr überwacht.

Ich erinnere zur DDR-Zeit der Ruhr-Epidemie anno 1960/61. Auch da gab es staatliche Maßnahmen wie Versammlungsverbot und Verhaltenscodices. Empfehlungen zur Herstellung in der Apotheke gab es nicht. Lieferengpässe zu überbrücken war sowieso unser täglich Metier.

Grobdesinfektionsmittel gab es während der damaligen Krise im Wesentlichen ausreichend. Wir besorgten sie uns auch vom Chemiehandel. Zur Händedesinfektion wurde bald Wofasept-Seifengelee der Filmfabrik Wolfen (vormals Agfa) knapp. Die Rostocker St.-Georg-Apotheke kreierte als Eigenanfertigung mit klangvollem Namen „Desinfektions-Gelee Grün“. Welche Rohstoffe wir aus irgendwelchen Quellen besorgten und nach Gutdünken zusammen mixten, erinnere ich nur dunkel (irgendein Phenolderivat, Rivonit aus der Drogerie als Seifenkörper und zur Gelierung wahrscheinlich Ultraamylopektin), wohl aber an Produktion und Konfektionierung. Wir hatten eine Tubenfüllmaschine, aber keine Tuben. Kaum zu glauben, wie innerhalb weniger Tage das Problem gelöst war. Telefonate und Telegramme jagten durch den Äther. Mit Plastetuben half uns die Chlorodont-Fabrik Dresden, Metallklipse zum Verschließen kriegten wir von woanders. Eine Verschlusszange war in der Apotheke.

Nächstes Problem die Signatur. Da nassklebende Etiketten nicht hafteten, kauften wir vom gegenüber liegenden Papierwarengeschäft Umschlagpapier – eigentlich zum Schutz von Schulbüchern gedacht – und umklebten damit die Tuben. Zuvor wurden Anwendungsvorschrift und „WZ “ (Warenzeichen) aufgebracht. Dazu war uns quasi von einem Tag zum anderen ein spezieller Stempel gefertigt worden. Unkonventionelle Hilfsbereitschaft allerorten.

Unser Gelee wurde nun in den Zylinder der Tubenfüllmaschine gegeben und per Kolbendruck in die aufgestülpten Tuben geschoben. Mir hat das Drehen am „Steuerrad“ zur Steuerung des Pressstrangs Riesenspaß gemacht. Die Steuerung musste sensibel sein, sonst schoss die Tube ins Labor und das Gelee noch hinterher. Ich habe dann aber meinen Kolleginnen vertraut und ihnen die Freude gegönnt.

(Wen es interessiert, der kann sich auf acht Seiten des Arzneimittelverzeichnisses der DDR 1988 über das damalige Sortiment zur Hände-, Haut-, Flächen-, Raum-, Instrumenten-, Wäschedesinfektion sowie von Ausscheidungen informieren. Als Achtes der Liste findet sich ein Kapitel „Virusinfektionen“. Ausführliche Übersichten über Wirk-, Anwendungszeiten, auch welche Desinfizientia kompatibel und welches nicht.)

Warum Desinfektionsgelee Grün? Wozu auch immer, in der Apotheke war ein Fläschchen Chlorophyll-Extrakt. So konnte unser Produkt attraktiviert werden. Grün ist die Farbe der Hoffnung und der Extrakt gewiss Bio.

Apropos Klopapier damals, heute, hier.

Man hatte vor und nach 1945 mehrere Jahre nur Zeitungspapier. In ordentlichen Haushalten wurde es zuvor quadratisch (Scherenschnitt) portioniert und auf einen ähnlich einem Fleischerhaken gebogenen Draht gespießt. Vor Gebrauch musste geknüllt werden, eine wichtige Maßnahme zur Abschmiereffektivitätsgarantie. Beim Barras (Militär) gab es ebenfalls kein Toilettenpapier. Auch der General, einst neben mir auf dem Donnerbalken (googeln lohnt sich), hatte keine Rolle dabei.

Zu DDR-Zeiten war es auch nicht gerade im Angebot. Es gibt ein Foto, das meine Tochter Rita triumphierend ein ganzes Paket schwenkend zeigt – Urlaubsmitbringsel aus der CSSR, ansonsten aber wohl auch dort wie in allen sozialistischen Ländern Mangelware. Köstlich: Vor einer öffentlichen Toilette an bulgarischem Strande wachte eine gewichtige Dame. Wer als Bedürftiger Einlass begehrte, bekam drei Blatt spendiert. Wer perspektivisch den Eigenbedarf höher einschätzte, musste ganz brav „Bitte, Bitte“ sagen.

Addendum politicum

Die Ruhrepidemie um 1960 herum zur Zeit des Kalten Krieges wurde unter anderem auf schlechte Butter aus der Sowjetunion zurückgeführt. Das war Futter für die Propaganda. Der Spiegel verkündete, der Mangel an Vitamintabletten habe die Widerstandsfähigkeit der Schwestern und Brüder in der Zone gemindert. Nun ja.