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Auf ins Massaker. Aber mit Rezept.

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Berlin -

Immer schön aufpassen. Ob bei Paracetamol oder Rezeptdaten oder Rechenzentren. Wer nicht genau mitgelesen und noch viel weniger aufgepasst hat, dem droht der Absturz aus der Wissensgesellschaft. Denn der Schnelldurchlauf durch die 43. Woche des Jahres zeigt: Die Rechenzentren massakrieren sich gegenseitig, Spahn mag’s sportlich, Investoren wollen Kasse machen und die ABDA sollte sich ein paar Pappnasen anschaffen. 

Mit derselben Gewissheit, die uns alljährlich Ostern, Weihnachten, Ferienstaus und DSDS beschert, wird auch die Paracetamol-Sau regelmäßig durchs mediale Dorf getrieben. Seit Jahren wird das Schmerzmittel immer wieder von allen möglichen Experten für alle möglichen Nebenwirkungen verantwortlich gemacht. Abgesehen von ASS und Diclo, die nicht minder beschwingt in die Mangel genommen werden.

Der Zeigefinger ist dann gern so weit nach oben gereckt, dass die Fingerspitze von Wolken umhüllt ist. Professor Dr. Kay Brune von der Universität Erlangen hat mit einigen Kollegen seiner Generalkritik an dem altbekannten Wirkstoff noch einmal freien Lauf gelassen. Wenn im Fachaufsatz auch nicht viel Neues drin steht, so hat es die Warnung vor ADHS, Hodenhochstand oder Asthma doch in den Blätterwald der Republik geschafft. Was für eine Nachricht! Was für ein Thema!

Dumm nur, dass Spiegel online noch nicht einmal die Erstveröffentlichung abwarten konnte. So standen nicht nur das BfArM und andere Experten, sondern auch viele Apotheker in ziemlicher Erklärungsnot da. Publicatio praecox, lautet dieses in der Medienbranche gar nicht so seltene Leiden. Die Redaktion hatte ihre Geschichte, der Professor seinen Ärger. Und die Mitarbeiter am HV-Tisch zusätzliche Arbeit.

Nicht ganz so fahrlässig dürfen dagegen freilich die Apotheker mit ihren Informationen umgehen. Da reicht der bloße Verdacht, dass Patientendaten in fremde Hände gelangen könnten, und schon sind die Reporter aus Hamburg mit Schlagzeilen wie „Pillendreher als Datendealer“ zur Stelle.

Dabei wird der Datenschutz in der Branche eigentlich groß geschrieben – nur noch nicht groß genug, wie Professor Dr. Jürgen Kühling aus Regensburg findet.Er hat für das ARZ Darmstadt ein Rechtsgutachten angefertigt, das zu dem Ergebnis kommt: Rechenzentren dürfen keine Unterauftragnehmer einschalten. Diese Position ist nicht unumstritten, und so können Apotheker nur hoffen, dass ihr Dienstleister korrekt mit den überlassenen Informationen umgeht. Solange die Rechenzentren sich die Haare raufen, ist nur eines sicher: Die nächste Negativschlagzeile kommt bestimmt.

Frei wählen dürfen die Deutschen zwar auch in Zukunft, ob sie nun Sport machen oder nicht. Doch Jens Spahn (CDU), gerade in eigener Sache im medialen Dauerwahlkampf, will Sport auf Rezept durchsetzen. Finanzierung und ähnliche belanglose Fragestellungen außen vor gelassen, profiliert sich der Gesundheitspolitiker in der mauen Herbstferienzeit. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) jubelt, propagiert schon seit Jahren das „Rezept auf Bewegung“. Gemeinsam mit der Bundesärztekammer; die Apotheker hatten sich von dem Projekt vor zwei Jahren verabschiedet. Wobei: Suchen die Leitbildler aus der Jägerstraße nicht eigentlich nach neuen Tätigkeitsfeldern?

Wie viel Spaß Apotheke bereits heute macht, weiß man in den Verbandsgeschäftsstellen ziemlich gut. Und so wirbt der Apothekerverband Nordrhein mit einer eigenen Kampagne und dem zum Kittel passenden Slogan „Probier ihn an!“ um den Nachwuchs. Gut, dass das Metallkorsett darunter nicht zu sehen ist, über das viele Kollegen klagen.

Immer häufiger was Neues probieren Apothekenkunden. Denn nach einer Studie der Unternehmensberatung Sempora haben immer weniger Kunden eine sogenannte Stammapotheke. Es wird fleißig gehoppt zwischen den Apotheken – und auch ins Internet und zurück. Selbst an Autobahnraststätten werden die Kunden jetzt geworben. Pick-up dagegen, und das ist die gute Nachricht, spielt keine Rolle mehr.

Geld hingegen ist immer wichtig – auch in der Apotheke. Weil das eigentliche Geschäft in manchen Bereichen immer weniger abwirft, verzichten einige Kollegen freiwillig auf Umsatz. Sie kassieren lieber eine Provision dafür, dass sie Kunden an Versender von Pflegebedarf vermitteln. Die freuen sich über das Pflegestärkungsgesetz von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU): Statt 31 gibt es ab Januar 40 Euro pro Monat an Unterstützung für die Patienten.

Zum geplanten Versorgungsstärkungsgesetz können die betroffenen Leistungserbringer dagegen noch Stellung nehmen. Ob Gröhe als Mann vom Niederrhein darum gebeten hat, die Anhörung ausgerechnet am 11.11. und damit zum Start der Karnevalssaison auf die Tagesordnung zu setzen, ist nicht gesichert. Für die ABDA dürfte die Veranstaltung wenig vergnügungssteuerpflichtig sein. Zwar lässt man überall verlauten, man sei eigentlich ganz zufrieden mit Gröhes Gesetz. Doch die fehlende regelmäßige Überprüfung des Honorars und die wenig konkrete Festlegung zu Retaxationen werden trotz Sessionseröffnung weiter sauer aufstoßen. Da helfen auch keine Pappnasen. Oder doch?

Wenig närrisch geht es dieser Tage bei Madaus in Köln zu. Die neuen Besitzer aus Schweden wollen keine Zeit verlieren und schnell Erträge sehen. Und da sind auch Personalkürzungen ein Thema. In eine ähnliche Situation könnte bald auch Omega kommen: Nach Umbenennung, Umzug und Managementwechsel steht jetzt offenbar ein Verkauf an. Mehrere Großkonzerne werfen ihren Hut in den Ring – was sie lockt sind nicht die Menschen, sondern die Marken des Herstellers.

Sowohl an Einsparungen als auch an Marken ist auch Stada interessiert. Die Kosmetiklinie Claire Fisher hat der Generikakonzern aus dem hessischen Bad Vilbel Omega bereits abgekauft. Ob es jetzt auch für den Rest reicht? Schon 2011 soll sich Stada für jene OTC-Produkte von GlaxoSmithKline interessiert haben, die am Ende wohl auch deshalb bei den Belgiern landeten, weil die keine Berührungsängste hinsichtlich der Drogeriemarke Abtei hatten.

Eine gute Nachricht gab es aktuell für Stada: Unter dem Dachmarke Grippostad kann der Konzern nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts Köln womöglich schon bald auch Ibuprofen-Produkte vertreiben. Da könnte Konzernchef Hartmut Retzlaff ganz weite Voraussicht bewiesen haben: Sollte Paracetamol doch noch von Brune, Spiegel & Co. vom Markt gefegt werden, würden Stada-Kunden das noch nicht mal merken. Alles Gute!

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