Erlangen

Apothekenprojekt: Uni recycelt Altarzneimittel

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Berlin -

Nicht gebrauchte Arzneimittel landen in den meisten Fällen im Grundwasser oder im Ofen: Denn entweder entsorgen Verbraucher sie regelkonform und sie werden meist verbrannt – oder sie halten sich nicht an die Regeln. Dann landen sie oft in der Toilette oder im Abguss. An der Universität Erlangen arbeitet man daran, das zu ändern: Eine Arbeitsgruppe um Professor Dr. Markus Heinrich und die Pharmazeutin Anna Roggenhofer entwickelt ein System zur Wiederverwertung der Wirkstoffe aus abgelaufenen Arzneimitteln und mehrere Apotheken in der Region Erlangen nehmen teil.

Wer in der Kolibri-Apotheke von Inhaberin Andrina Friedemann seine Arzneimittel kauft, der wird öfter einmal auf ein besonderes Angebot ihres Betriebs hingewiesen: Bei ihr können Verbraucher abgelaufene Arzneimittel abgeben, die dann einem Forschungsprojekt der Universität Erlangen zugeführt werden. Und das Angebot wird rege genutzt: „Ungefähr zweimal pro Woche kommen Kunden und geben hier abgelaufene Medikamente ab“, erklärt Friedemann.

Werden in Erlangen Arzneimittel im Hausmüll entsorgt, werden die in den allermeisten Fällen verbrannt – die Wirkstoffe gehen damit verloren. Die Pharmazeuten der Universität haben deshalb einen speziellen Sammelcontainer für Medikamente aufgestellt und sortieren die abgegebenen Präparate später nach Wirkstoffen, die dann aus den Tabletten und Säften gelöst werden sollen. „Im Rahmen von unserem Forschungsprojekt gelangen wir an etwa 500 verschiedene Arzneistoffe. Von diesen 500 können wir etwa 100 verwerten und entwickeln im Labor dazu Extraktionsmethoden, um die Wirkstoffe dann rein zu isolieren“, erklärt Roggenhofer gegenüber dem Bayerischen Rundfunk (BR).

Eine der Quellen dieser Arzneimittel ist Friedemanns Apotheke. „Meist handelt es sich dabei um Schnelldreher wie Schmerzmittel, aber auch oft abgelaufene verschreibungspflichtige Arzneimittel wie Antibiotika“, sagt sie. Zustande kam die Zusammenarbeit auf Initiative der Universität: „Frau Roggenhofer von der Uni Erlangen kam auf uns zu, sie war persönlich in der Apotheke, hat uns das Projekt erklärt und gefragt, ob wir teilnehmen wollen. Wir haben das dann im Team besprochen und fanden alle, dass das eine tolle Sache ist“, erzählt sie.

Die Kunden wiederum holt sie selbst ins Boot: „Wir sprechen die Kunden auch aktiv drauf an und klären sie über die Möglichkeit auf, bei uns Altarzneimittel abzugeben.“ Hinzu kommt ein Hinweis als Aufsteller auf dem HV und als Aufkleber: „Wir unterstützen das Alt-Arzneimittel-Forschungspropjekt“ steht darauf.

Die Teilnahme sieht Friedemann aber nicht unter einem pharmazeutisch-wissenschaftlichen, sondern auch unter einem ökologischen Aspekt positiv. „Wir sind sowieso eine Apotheke, die viel Wert auf Umweltbewusstsein legt und versucht, Nachhaltigkeit zu leben.“ Auch die Kunden wissen das zu schätzen: „Wir haben bisher nur sehr gute Erfahrung gemacht, die Kunden finden das alle toll. Wenn die Mittel in die Entsorgung gehen verbrannt werden, hat ja auch niemand etwas davon.“

Die Arzneimittel für die universitäre Ausbildung und Forschung zu verwenden, statt sie zu verbrennen, sieht der Leiter der Arbeitsgruppe als Zukunftskonzept – nicht nur für Erlangen, sondern tendenziell auch bundesweit. „Über so ein Verwertungskonzept ist es natürlich viel attraktiver für den Bürger, Arzneimittel in der Apotheke zurückzugeben, als sie dort nur abzugeben, damit sie verbrannt werden“, so Heinrich gegenüber dem BR. „Und über dieses Zusammenspiel aus Umwelt, aus Wertschöpfung, aus Vermeidung von Abfall in einer anderen Weise, erhoffen wir uns da zukünftig einen großen Effekt.“

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