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Beratung ist gut, Kontrolle ist besser

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Berlin -

Das System mit den getrennten Eingängen hat sich bewährt: Kunden rechts, Kontrolleure links. „Sie sind mit dem Arzneimittel vertraut?“ Der Kunde nickt, der Pharmazierat in der Schlange daneben auch. Ihm wendet sich der Apotheker jetzt zu und überreicht ihm den Revisionsordner. „Zahlen Sie gleich?“, fragt er. „Am liebsten bar“, sagt der Apotheker. Der nächste in der Reihe reckt neugierig den Hals – der graue Herr vom Finanzamt. Doch bevor er etwas sagen kann, drängelt sich ein Anderer zum HV-Tisch vor: „Wir müssen über Ihre Rabattquote sprechen!“ Der Apotheker hat den AOK-Mitarbeiter noch nie zuvor gesehen, aber da der nächste Patient in der anderen Schlange gerade nach L-Thyroxin verlangt hat, freut sich der Apotheker plötzlich auf das Gespräch mit dem Rabattberater.

Seit gestern hat die Apothekerkammer des Saarlandes die Aufsicht über ihre Schäfchen. Dass die Kontrollen teurer werden, nimmt man für die Aufwertung in Kauf. Und gerechter und transparenter sollen die Revisionen jetzt auch werden. Gestern war Tag 1 als Oberförster, zum langsamen Reinkommen extra der 1. Mai.

In Niedersachsen kann man da nur müde lächeln. Seit zehn Jahren wacht die Kammer nun schon über ihre Mitglieder, ausgestattet mit weitreichenderen Befugnissen als jede andere Kammer. Verursacher war übrigens Christian Wulff (CDU) – Sie wissen schon, der sich zum Abschied „Over The Rainbow“ gewünscht hatte. Egal, die Apotheker sind jedenfalls zufrieden mit ihrer Aufsicht.

Angeblich auch mit dem neuen Service ihrer AOK. Die Kasse zumindest behauptet, dass es von den Apothekern nur positives Feedback für die AOK-Berater gab, die mit Ärzte und Apothekern über die Erfüllung der Rabattverträge sprechen wollen. Die Mitarbeiter der Kasse haben jedenfalls ganz Zeitgeist-gemäß sehr viele Informationen über jeden Apotheker zusammengetragen. Vielleicht sollten die Kassen gemeinsam eine App entwickeln lassen, damit pharmazeutische Bedenken künftig über das Smartphone erfasst und sofort an die GKV-Zentrale gemeldet werden.

Vielleicht ließen sich mit dieser Technik auch Phantom-Retaxationen wie zuletzt von der KKH vermeiden. Immerhin, die Kasse hat schnell eingelenkt. Das Bundesfinanzministerium (BMF) ist von den heutigen und vorgeschlagenen Kontrollmethoden noch nicht überzeugt. In Wolfgang Schäubles (CDU) Ressort glaubt man nicht so recht an sichere Registrierkassen.

Das ist doch mal ein schönes Kompliment: Ursula Karven ist zu hübsch für den Hersteller DHU. Die Schauspielerin darf nicht mehr für die Schüßlersalze werben, weil ihr Vorangehen andere zum Mehrverbrauch anregen könnte. Nur die Bemerkung der Richter des OLG Karlsruhe, so bekannt müsse ein Promi gar nicht sein, damit der Durchschnittsverbraucher sich von einem irgendwie vertrauten Gesicht beeinflussen lässt, war wenig charmant.

Hübsch machen will sich mal wieder auch DocMorris. Die Versandapotheke stellt ihre Eigenmarke jetzt in die Regale der Supermarktkette Rewe. Erstmal Nasenspray und Vitaminchen, aber wer weiß, wohin die OTC-Reise geht. In anderen Ländern gibt es schließlich Apothekenecken im Supermarkt.

Was dann bei Gästen aus den Staaten übrigens zu Verwirrungen führen kann, wenn sie in einer deutschen Apotheke plötzlich beraten werden. Der Scherz über den Fußpilz-Fall ist aber mittlerweile aufgeklärt, Humor ist manchmal schwer zu übersetzen.

Zum Thema Internationales noch schnell ein Blick nach Skandinavien: Schweden laboriert noch an den Folgen der Liberalisierung: Erneut sind scherwiegende Mängel in Apotheken aufgetreten, die Angestellten fühlen sich fremdbestimmt. Und in Dänemark soll es demnächst Apotheken ohne Apotheker geben. Dafür können sich die Pharmazeuten eine Notdienstlizenz kaufen. Sprung nach Südamerika: Celesio hat keine Lust mehr auf Brasilien und trennt sich von zwei Tochterfirmen.

Andere sind auf Expansion aus: Der Großhändler Noweda baut eine neue Niederlassung im baden-württembergischen Böblingen bei Stuttgart. Eine kleine Kampfansage an die Konkurrenten im Ländle. Ob dafür das in die Jahre gekommene Kapferer-Lager in Mosbach dicht machen muss, dazu schweigt man sich bei der Genossenschaft noch aus. Von mehr Wettbewerb können die Apotheker jedenfalls nur profitieren.

Nutzen sollen aus Sicht des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BAH) auch die wachsende Zahl an OTC-Switches. Als Experten werden die Pharmazeuten mit einer größeren Sichtwahl gestärkt, findet BAH-Chef Jörg Wieczorek.

Besonders erfolgreich war zuletzt Steigerwald mit seinem Iberogast. Der MCP-Abschied hat Flügel verliehen. Zeitweise legten die Abverkäufe um 22 Prozent zu – auch über das Gesamtjahr gab es ein beachtliches Plus. Ebenfalls mehr mit Marken zu tun hat endlich wieder Michael Ewers. Der Manager wechselte vom Generikahersteller Betapharm zu Recordati.

Noch offen sind die künftigen Managementverhältnisse bei Mylan. Der Hersteller will gerne Perrigo übernehmen, muss sich aber selbst der hartnäckigen Avancen von Teva erwehren. Ausgang ungewiss. Pharma-Schelte gab es in dieser Woche wieder von den Linken: Xarelto, Pradaxa und Eliquis unter Feuer.

In der Praxis gab es auch wieder Tests: Während die UV-Lippenstifte aus der Apotheke durchgefallen sind, heißt es bei Läusemitteln: Hopp oder Top. Top-Unis für das Pharmaziestudium können sich angehende Apotheker aus der QS-Liste besorgen. Bester deutscher Standort im internationalen Vergleich ist München, gefolgt von Berlin, Tübingen und Heidelberg sind auch ok.

Ob die Pharmazeuten im Studium noch von einem System namens Lochkarte hören, ist zweifelhaft. Der Kulturschock droht in etwa 2000 Apotheken, die sich mit Stolz der Modernisierung entziehen und noch stanzen und stecken. Man kann auch sagen: bewährtes System.

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