Experten warnen vor Bagatellisierung

Wegovy-Pille: Kein Freifahrtschein zum Selbstversuch

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Berlin -

Seit gestern ist Wegovy (Semaglutid) auch in Tablettenform in den deutschen Apotheken erhältlich. Der Wirbel um das neue Produkt ist groß; von der neuen Darreichungsform verspricht sich Hersteller Novo Nordisk, noch mehr Patient:innen zu erreichen. Doch Experten warnen auch: Die vereinfachte Einnahme könne das Medikament noch mehr zum Lifestyle-Produkt werden lassen.

Professor Dr. Christian Strassburg vom Universitätsklinikum Bonn (UKB) positioniert sich gegen eine Wahrnehmung als Lifestyle-Pille: „Es ist sicherlich nicht dafür geeignet, um kurzfristig Gewichtsanpassungen vorzunehmen, weil einem das irgendwie so passt“, so der Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin.

Es gehe nicht nur um die reine Gewichtsreduktion, sondern um einen medikamentösen Eingriff in einen zentralen Stoffwechselweg des Körpers. „Man sollte das unter Begleitung durch einen Arzt oder eine Ärztin machen.“ Semaglutid ahmt die Wirkung des körpereigenen Darmhormons GLP-1 nach, wodurch das Hungergefühl abnehmen und das Sättigungsgefühl verstärkt werden können. „Wie viel jemand im Einzelfall abnimmt, ist sehr unterschiedlich“, so Strassburg. „Aus den bisherigen Studiendaten kann man für die Tablette von ungefähr 14 bis 15 Prozent ausgehen.“

Und auch beim Absetzen zeigt sich die Wirkung des Medikaments: Wer die Tablette absetzt, sollte nicht davon ausgehen, dass das reduzierte Gewicht automatisch dauerhaft erhalten bleibt, warnt der Mediziner. „In vielen Fällen kommt es dann zum Rebound, also dazu, dass das Gewicht wieder steigt.“ Man müsse daher die Chance nutzen, auch eine Veränderung bei Gewohnheiten und körperlicher Aktivität zu schaffen, sonst sei mit dem vorherigen Hungergefühl auch schnell das vorherige Gewicht wieder da.

„Nicht einfach nur irgendein Spaßfaktor“

„Das ist nicht einfach nur irgendein Spaßfaktor, um jetzt ein bisschen abzunehmen“, so der Experte. Es gehe nicht um: „Wie viele Kilo kann ich damit verlieren?“, sondern: „Ist diese Behandlung für mich medizinisch sinnvoll – und wie kann ich sie mit einer nachhaltigen Veränderung meines Lebensstils verbinden?“

Gegenüber der wöchentlichen Spritze könnte die tägliche Tabletteneinnahme als bequemere Variante erscheinen. Doch bei dem hochwirksamen Arzneimittel gelten klare Grenzen, macht auch Martin Schulze, Apotheker und Leiter der pharmazeutischen Kundenbetreuung bei der Versandapotheke Mycare, deutlich.

„Die Wegovy-Tablette ist kein neuer Wirkstoff, sondern dieselbe Substanz, die wir aus der Spritze kennen, nur oral verfügbar gemacht. In der Zulassungsstudie OASIS-4 erreichten Patienten nach 64 Wochen im Schnitt einen Gewichtsverlust von rund 14 Prozent, unter Placebo waren es nur zwei bis drei Prozent. Die Tablette wirkt damit in einer ähnlichen Größenordnung wie die Injektion“, ordnet er ein. Patient:innen steigen mit einer niedrigen Startdosis von 1,5 Milligramm ein, die dann monatlich gesteigert wird, bis die Erhaltungsdosis von 25 Milligramm täglich erreicht ist.

Erstattung: Druck auf Politik steigt

Diese im Vergleich zur Spritze deutlich höhere Dosis sei notwendig, weil der Wirkstoff im Magen-Darm-Trakt schlechter aufgenommen wird als bei einer Injektion, erklärt Schulze. Er weist auch auf die strenge Einnahmeroutine hin: „Die Tablette muss morgens nüchtern mit maximal einem kleinen Schluck Wasser eingenommen werden, danach darf mindestens 30 Minuten lang weder gegessen noch getrunken oder ein anderes Medikament eingenommen werden. Wer sich nicht an diese Routine hält, riskiert, dass der Wirkstoff gar nicht erst richtig aufgenommen wird.“

Zudem gebe es eine klare Indikation für Erwachsene mit einem BMI ab 30, oder ab 27 mit einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung wie Bluthochdruck. „Demnach ist es kein Lifestyle-Produkt zur kosmetischen Gewichtsreduktion, sodass eine ärztliche Verordnung erforderlich ist.“ Da es jedoch als Lifestyle-Arzneimittel eingestuft ist, übernehmen Krankenkassen die Erstattung nicht.

Schulze verweist in diesem Zusammenhang auf Frankreich, wo derartige Arzneimittel seit Juni unter bestimmten Kriterien erstattet werden. „Das erhöht auch bei uns den Druck auf die Politik. Diese Diskussion ist längst überfällig, denn Adipositas ist eine chronische Erkrankung und keine Frage der Willenskraft.“

„Es geht nicht nur um die Zahl auf der Waage“

Um die ganzheitliche Betrachtung bei der Behandlung von Adipositas geht es auch den beiden Platzhirschen auf dem Markt, Novo Nordisk und Lilly. Beide fahren aktuell Aufklärungskampagnen zum Thema. So verweist Novo Nordisk auf eine Civey-Umfrage im Auftrag der Dänen, wonach die Betroffenen eine deutlich höhere Motivation zur aktiven Gewichtsabnahme zeigen, als es gängige Vorurteile vermuten lassen.

Es gehe für viele zudem nicht nur um die reine Gewichtsabnahme, sondern auch um mehr Beweglichkeit und mehr Energie im Alltag. Dabei habe jede fünfte Person mit Adipositas noch nie mit einem Arzt oder einer Ärztin über das eigene Gewicht gesprochen, teils aus Scham, teils aus Unwissenheit über den Umgang mit der chronischen Erkrankung.

Lilly hat zum Thema eine global konzipierte Aufklärungskampagne gestartet. Im Mittelpunkt stehe dabei die Erkenntnis, dass Adipositas keine Frage von mangelnder Disziplin oder fehlender Willenskraft sei, sondern eine chronische, behandelbare Krankheit. Dem US-Konzern gehe es um den Kampf gegen gesellschaftliche Vorurteile, zudem wolle man den Weg zu ärztlicher Beratung und Begleitung ebnen – seit gestern laufen hierzu unter anderem TV-Spots und Social-Media-Kampagnen.

„Aus medizinischer Sicht wissen wir längst, dass Adipositas eine komplexe, multifaktorielle chronische Krankheit ist, bei der hormonelle und metabolische Prozesse eine entscheidende Rolle spielen“, so Dr. Stefanie Srock, Medizinische Leiterin bei Lilly Deutschland. „Trotzdem erleben viele Betroffene noch immer Vorurteile, auch im Gesundheitssystem selbst. Nur wenn Ärztinnen und Ärzte, Angehörige und die Gesellschaft insgesamt verstehen, dass es sich um eine Krankheit handelt, finden Betroffene den Mut, sich frühzeitig professionelle Unterstützung zu holen.“

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