Apotheken-Kompetenz

„Selbstmedikation ist Medikation“

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Berlin -

Dass Selbstmedikation mit Blick auf knappe Kassen, den demografischen Wandel und fehlende Ärzte künftig eine stärkere Rolle spielen muss, darin waren sich Vertreter aus Industrie, Ärzteschaft und Apothekerschaft einig. Auch dass die Beratung in der Apotheke eine entscheidende Rolle bei der Selbstmedikation einnehmen muss, stand außer Frage. Allerdings braucht es zum Gelingen noch etwas: nämlich die nötigen Gesundheitskompetenzen in der breiten Bevölkerung.

Insbesondere bei kurzen, leichten Erkrankungen wie einer Erkältung sei Selbstmedikation super – mit Beratung in der Apotheke, erklärt Christine Neumann-Grutzeck, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer (BÄK). Allerdings müssten die Gesundheitskompetenzen gestärkt werden, es müsse schließlich abgewogen werden, wo die Grenzen seien. Gesundheitsbildung müsse bereits in der Kindheit stattfinden.

Die Corona-Pandemie sei ein Booster für Unsicherheit gewesen, meint Dr. Ina Lucas, Abda-Vize. Auch sie kritisiert die fehlenden Gesundheitskompetenzen. Apotheken könnten dabei helfen, auch die Arztpraxen zu entlasten – ohne dabei in Konkurrenz zu den Ärzten zu stehen. „Wir müssen darüber reden, wann ein Fall ein Fall für Selbstmedikation ist“, betonte sie.

Beratung verbessert Wirksamkeit

„Wir wollen Produkte nicht einfach nur verkaufen“, erklärt Dr. Traugott Ullrich, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Pharma Deutschland. Man aktiviere Käufer am besten, wenn man ihnen das richtige Produkt für ihr Problem verkaufe. So animiere man zum Nachkaufen; das sei viel billiger, als Neukunden zu akquirieren, erklärte er. „Das, was in der Apotheke durch die Beratung passiert, nämlich dass die Wirksamkeit und Verträglichkeit verbessert werden, dafür haben wir aktuell noch keine wissenschaftliche Datengrundlage – das ist etwas, dem sollten wir uns auch gemeinsam stellen.“

Es brauche allerdings auch in den Apotheken eine richtige Haltung zur Selbstmedikation. Die Industrie könne zum Beispiel durch Schulungen das Know-how zu den Wirkstoffen liefern, „wir würden aber auch gerne die Apotheken in der Breite dahin bringen, dass Selbstmedikation etwas ganz Wichtiges ist“. Man könne in Deutschland viel mehr Selbstmedikation haben, aber wenn die Ärzte eine ablehnende Haltung einnehmen, werde das nicht gelingen.

Wo ist die Grenze?

In der Bevölkerung steige die Bereitschaft, mehr Verantwortung für die eigene Gesundheit zu tragen. „In den letzten zehn Jahren hat sich in Sachen Self Care viel getan“, berichtet Nikola Haaks, stellvertretende Chefredakteurin beim Lifestyle-Magazin „Brigitte“. Auch der Trend zu Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln habe sich geändert.

„Aber wo ist die Grenze? Wann muss ich zum Arzt, zur Apotheke und zur Notaufnahme? Was ist banal und was nicht?“, warf Professor Dr. Stefan Heinemann ein. Eigentlich könne das nur jemand mit medizinischem Background bewerten.

„Mit einer Erkältung muss ich nicht zum Arzt – das versteht wirklich nahezu jeder, der im deutschen Gesundheitssystem aufgewachsen ist“, so Lucas. „Medizin ist keine Naturwissenschaft, sondern eine Erfahrungswissenschaft“, führte Ullrich an. „Warum ist eine Erkältung etwas, an das wir uns rantrauen? Weil wir Erfahrungen darin haben.“ Außerdem verwies er auf das Problem vieler Menschen, überhaupt einen Hausarzt zu finden: „Da kann die Apotheke vor Ort eine ganz wichtige Rolle spielen.“

„Selbstmedikation ist Medikation“, betonte Lucas. Es brauche den Doppel-Check mit dem Arzt oder Apotheker, ob die Produkte, von denen Patienten vielleicht online oder von Freunden erfahren, sinnvoll seien.

„Deshalb gehört Selbstmedikation nicht zu dm, sondern in die Apotheke, weil die Beratung dazugehört“, so Neumann-Grutzeck. Allerdings nütze es auch wenig, einfach weitere Pillen zu schlucken, wenn nicht auch bei Bewegung und Ernährung früh angesetzt werde.

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