Was die Werbekostenzuschüsse (WKZ) für die Vor-Ort-Apotheken sind, haben die Versender zu einem eigenständigen Geschäftsmodell skaliert. Mit Kampagnen für die Pharmaindustrie verdienen Redcare und DocMorris mittlerweile Millionen.
„Wenn der Kopf nachts einfach nicht abschaltet, leidet der ganze Tag. Finde heraus, was hinter deiner inneren Unruhe steckt. Unser 5-Minuten-Check gibt dir sofort präzise Empfehlungen für passende Hilfsmittel unserer Partner-Marken bei DocMorris.“ So wirbt der Versender aktuell in den sozialen Medien. Wer der Empfehlung folgt, landet im nächsten Schritt schon bei Lasea.
„Kaffee am Morgen. Den Tag starten. Zuckerwerte im Blick“, lautet das Motto einer Anzeige für Dexcom. Ein kurzer Spot auf Instagram richtet sich an Hundehalter und bewirbt AdTab von Elanco. „Die Nr. 1 in Online-Apotheken“, wird ein Präparat von R(h)ein Nutrition beworben.
Und für Mittwoch lädt DocMorris zu einem Webinar „Klartext Adipositas“ ein: „Hype, Mythen, Halbwissen! Betroffene und Experten klären auf“, heißt es in der Ankündigung. Mit dabei sind eine Apothekerin des Versenders, eine Ernährungsberaterin und zwei Ärzte. „Mit finanzieller Unterstützung von Lilly“, heißt es im Kleingedruckten.
DocMorris Retail Media, kurz DMR Advertising, heißt die hauseigene Werbeagentur von DocMorris. „Wir verbinden die Reichweite von Online-Apotheken und führender Publisher mit zielgenauen Daten aus dem Gesundheitsmarkt. So erreichst du nicht nur Zielgruppen – sondern Menschen mit konkreter Gesundheits- und Kaufabsicht“, wirbt das Unternehmen mit Sitz am Karlsplatz in München.
Angesprochen werden vor allem Pharmafirmen, unter den Referenzen werden zahlreiche führende OTC-Hersteller aufgeführt. Angeboten werden einerseits „Onsite-Solutions“ – also Maßnahmen im eigenen Webshop wie Native Video Ads, Native Brand Ads und Sponsored Products. Doch auch außerhalb des DocMorris-Kosmos kann man Maßnahmen über DMR einbuchen, darunter Social Audio, Open Web und Connected TV.
„Die Retail-Media-Einheit von DocMorris entwickelt ganzheitliche, datengestützte Medienkampagnen über verschiedene Werbekanäle hinweg – in Zusammenarbeit mit Werbepartnern aus den Bereichen Gesundheit, Beauty und Lifestyle. Diese Kampagnen kombinieren effektive Lösungen für alle Marketing-Touchpoints, wertvolle First-Party-Daten sowie Targeting“, verspricht der Mutterkonzern.
Tatsächlich hat das Team um Geschäftsführer Björn Wolak mittlerweile ein Geschäft in großem Maßstab aufgezogen. Mehr als elf Millionen Euro wurden allein im ersten Halbjahr in diesem Bereich umgesetzt, bei einer Marge im mittleren zweistelligen Bereich. DMR sei die führende Healthcare-Retail-Media-Plattform, so der Konzern.
Allein während der Fußball-WM habe man reichweitenstarke Kundenkampagnen auf digitalen TV-Kanälen mit mehr als 250 Millionen Werbeimpressionen durchgeführt. Für die kommenden Jahre werde hier eine weitere starke, profitable Wachstumsdynamik erwartet.
Auch Redcare mischt in diesem Segment mit; laut Management winken hier Margen, die im normalen Geschäft nicht zu erzielen sind. Allerdings lief das Geschäft zum Jahresbeginn nicht gut an: „Unser margenstarkes Retail-Media-Geschäft hatte keinen guten Start. Der Auftakt verlief schleppend, da wir Schwierigkeiten hatten, alle geplanten Kampagnen rechtzeitig auszuliefern, um den Umsatz verbuchen zu können – und das trotz eines eigentlich starken Auftragseingangs in diesem Segment“, musste Finanzvorstand Hendrik Krampe im Mai einräumen. Man betrachte dies aber weitgehend als Einmaleffekt, den man im weiteren Jahresverlauf wieder aufholen werde.
Dennoch verzeichne man ein enormes Wachstum in diesem Bereich. „Ja, in einigen Bereichen konnten wir die Prozesse nicht schnell genug skalieren, um der bestehenden Nachfrage gerecht zu werden. Die wirklich gute Nachricht ist jedoch: Lieferanten und Werbetreibende wollen tatsächlich mit uns zusammenarbeiten.“
Auffällig war hier zuletzt etwa eine Aufklärungskampagne rund um die Frage: „Ist eine GLP-1-basierte Therapie bei Adipositas das Richtige für mich?“ In den sozialen Medien wurde zu einem entsprechenden Advertorial auf der Website von Shop Apotheke verlinkt; ein Produktverkauf oder Rezeptservice war damit aber nicht verbunden. Im Kleingedruckten hieß es dazu: „Diese Aufklärungs-Kampagne wird von der Novo Nordisk Pharma GmbH unterstützt. Die Inhalte verantwortet Shop Apotheke redaktionell.“