Nach Gematik-Flop

Brief an Lauterbach: Kassen wollen eigenes E-Rezept

, Uhr
Berlin -

Die Techniker Krankenkasse (TK) und ihre Projektpartner im Modellprojekt „eRezept Deutschland“ wollen ein eigenes E-Rezept parallel zur offiziellen Gematik-Anwendung etablieren. Das soll ebenfalls an die Telematikinfrastruktur (TI) angebunden werden, aber über die Kassen-Apps funktionieren. Dazu hatten sich die Vorstandschefs von sieben Krankenkassen bereits Mitte Dezember an den neuen Gesundheitsminister Karl Lauterbach gewendet und ihm ins Gewissen geredet, dass die Einführung des Gematik-E-Rezepts zum 1. Januar nicht funktionieren werde. Die eigene Infrastruktur hingegen laufe bereits hervorragend.

Am 17. Dezember, drei Tage vor der Absage der verpflichtenden Einführung des E-Rezepts, haben die Vorstandschefs von TK, Barmer, DAK-Gesundheit, AOK Bayern, IKK classic, Hanseatischer Krankenkasse und BIG direkt gesund bei Lauterbach Druck gemacht, dass das E-Rezept so nicht eingeführt werden kann. „Es ist festzustellen, dass das E-Rezept der Gematik noch keine Reife für eine verpflichtende Einführung zum 1. Januar 2022 hat“, heißt es in einem Schreiben, das APOTHEKE ADHOC vorliegt.

Die unterzeichnenden Kassen hätten dem Koalitionsvertrag „mit Freude“ entnommen, dass die Einführung des E-Rezepts und dessen nutzenbringende Anwendung beschleunigt werden sollen. „Leider deuten die aktuellen Entwicklungen darauf hin, dass eher das Gegenteil geschieht“, so der Brief. Trotz der verlängerten regionalen Testphase seien nämlich nicht einmal 50 E-Rezepte ausgestellt worden, „und selbst diese wenigen E-Rezepte konnten teilweise nicht bis zur Abrechnung mit den Krankenkassen geführt werden“, so die Kassenchefs. „Zwingend notwendige Massentests fanden nicht statt. Damit ist die Voraussetzung für eine flächendeckende Einführung eines erprobten E-Rezepts nicht gegeben.“

Dabei warnten sie das BMG noch deutlicher vor dem zu der Zeit noch aktuellen Stichtag: „Bei einem Festhalten an der Einführung der Gematik-Lösung zum 1. Januar 2022 wird es faktisch kein E-Rezept geben; vielmehr wird, wie bisher, das papiergebundene Muster 16 ausgestellt werden.“ Nach der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung wäre das „ein weiterer Rückschlag für die Akzeptanz der digitalen Prozesse der Telematik bei den Leistungserbringern und Versicherten“, so die Warnung. Diese Akzeptanz werde ohnehin durch die Sicherheitslücke in vielen Anwendungen erneut stark strapaziert. Gemeint ist die log4j-Sicherheitslücke, die Mitte Dezember die IT-Welt in Alarmbereitschaft versetzte.

Was sie wollen, sagen die Kassenchefs deutlich: „Wir empfehlen daher dringend, den Einführungstermin des bundesweit verpflichtenden E-Rezepts später, nicht aber vor dem 1. Januar 2023 zu realisieren.“ Das Jahr 2022 müsse genutzt werden, um die gesamten Prozesse des E-Rezepts auf breiter Basis und in hoher Anzahl erfolgreich zu erproben. Offensichtlich dachten sie dabei nicht nur an das Scheitern der Anderen, sondern auch an den eigenen Erfolg: Denn zwar funktioniere das staatliche E-Rezept längst noch nicht, aber es gebe bereits „voll funktionsfähige und bewährte Lösungen für das E-Rezept“ – nämlich die eigene.

Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Lesen Sie auch
Neuere Artikel zum Thema
Mehr aus Ressort
Ärzte drohen mit Ausstieg aus Gematik
E-Rezept: KBV rechnet mit Spahn ab »

APOTHEKE ADHOC Debatte

Weiteres
RKI registriert Höchststände bei Neuinfektionen und Inzidenz
RKI: Höchststände bei Neuinfektionen und Inzidenz»
Impfung in Schwangerschaft & Stillzeit
Booster drei Monate nach Grundimmunisierung»
Ärzte drohen mit Ausstieg aus Gematik
E-Rezept: KBV rechnet mit Spahn ab»
Dekra stellte Mängel fest
Masken-Rückruf war begründet»
Versandverbot für Notfallkontrazeptiva
Switch-Vorbild „Pille danach“?»