Corona bleibt – die Grippe kommt

Keine Angst vor Erkältungspatienten!

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Berlin -

Die Corona-Zahlen steigen, der Winter mit trockener Heizungsluft und vermehrtem Aufenthalt in geschlossenen Räumen bringt auch Influenza und Erkältungskrankheiten zurück. In den Schulen herrscht Verunsicherung, wie mit hustenden und schniefenden Kindern umgegangen wird. Auch auf Ärzte und Apothekenmitarbeiter kommt die Herausforderungen zu, Erkältung, Grippe und Corona zu unterscheiden und keine Kunden zu verprellen. Ein Tagebuch für das gesamte Team kann helfen, Symptome zu erfassen und eine Infektion frühzeitig zu erkennen. Hier geht es zum Download.

Insgesamt sind laut Robert-Koch-Institut (RKI) bisher über 250.000 Personen in Deutschland mit Sars-CoV-2 infiziert gewesen. Mehr als 9000 Menschen haben durch Covid-19 ihr Leben verloren. Schaut man in den RKI-Bericht zur Grippesaison 2018/2019, so liegen folgende Zahlen vor: Die Gesamtzahl der übermittelten, labordiagnostisch bestätigten Influenza-Fälle betrug rund 182.000. Rund 40.000 Menschen mussten wegen Grippe hospitalisiert werden. Das entspricht einer Quote von 22 Prozent. Über die Hälfte der stationär aufgenommenen Patienten war über 60 Jahre alt. In den kommenden Monaten könnten beide Infektionen parallel auftreten und dadurch neue Herausforderungen in der Versorgung bringen.

Wer darf im Wartezimmer Platz nehmen?

Bisher sollten die Patienten, die Erkältungssymptome zeigten, eine Arztpraxis nicht betreten. Die kommenden Wintermonate müssen jedoch auch die Patienten versorgt werden, die aufgrund von Bronchitis & Co. ihren Allgemeinmediziner aufsuchen. Der wiederum will vermeiden, dass Sars-CoV-2-positive Menschen im Wartezimmer Platz nehmen. Es scheint ein Balance-Akt zu werden: Was das Symptom Husten angeht, so erinnern viele Ärzte daran, dass die Infektionszahlen von Covid-19 im Vergleich zu unproblematischen Erkältungskrankheiten sehr gering seien – Husten dürfe daher nicht stigmatisiert werden. Das gleiche gelte für Schnupfen, und zwar insbesondere deshalb, weil eine laufende Nase kein Leitsymptom von Covid-19 ist. Patienten mit Husten, Heiserkeit, Schnupfen und vermehrtem Niesen stellen nach aktuellem Kenntnisstand kein Risiko dar und sollten auch in dieser Saison wie gewohnt ihren Arzt konsultieren.

Telemedizin und telefonische AU

Die befristete Ausnahmereglung zur telefonischen Anamnese wurde nicht verlängert. Patienten mit leichten Erkrankungen der oberen Atemwege konnten sich nach telefonischer Rücksprache mit dem Arzt eine Krankschreibung ausstellen lassen. Diese wurde per Post zugestellt. Mediziner durften eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) für maximal 14 Kalendertage ausstellen. Für die kommende Erkältungssaison ist wieder eine körperliche Untersuchung notwendig. Generell sei wenig Missbrauch mit der telefonischen AU betrieben worden, so zumindest die Einschätzung der Techniker Krankenkasse (TK). Videosprechstunden von Hausärzten könnten vielen Patienten die Bedenken nehmen und abklären, ob ein Erscheinen in der Praxis möglich und angezeigt ist, oder ob der Patient lieber zu Hause bleiben soll.

Ist ausreichend Grippeimpfstoff vorhanden?

Noch gibt es keinen zugelassenen Impfstoff gegen Covid-19. Um auf Nummer Sicher zu gehen und das generelle Infektionsgeschehen einzudämmen, empfehlen Ärzte in diesem Jahr mehr Menschen die Grippeimpfung: Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) Berlin sollten sich auch Personen impfen lassen, die aus beruflichen Gründen viel Kontakt zu anderen Personen haben und sich dadurch schneller anstecken können. Dies sind vor allem Personen mit viel Publikumsverkehr sowie medizinisches Personal.

Eigentlich empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) eine Impfung für alle Menschen über 60 Jahre. Für Personen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens – darunter schwere neurologische Erkrankungen oder ein geschwächstes Immunsystem – gilt die Empfehlung auch in jüngeren Jahren. Auch Schwangere ab dem 2. Trimenon, Bewohner von Alters- und Pflegeheimen und Personen, die als mögliche Infektionsquelle Risikopersonen gefährenden können, sollen die Impfung wahrnehmen.

Auch für Kinder ändern sich die Empfehlungen seitens der Pädiater. Eigentlich wird eine Impfung nur bei Kindern mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung ab einem Alter von sechs Monaten empfohlen. In diesem Jahr lautet die Empfehlung, alle Kinder ab sechs Monaten impfen zu lassen – unabhängig von bestehenden Grundleiden. Kinder sind nachgewiesene Überträger von Influenza. Durch flächendeckende Impfungen könnte die kommende Grippesaison moderater ausfallen, so die Kinderärzte.

Da stellt sich die Frage, ob genügend Impfstoff vorhanden ist. Bisher hielt sich das Impfinteresse der Bevölkerung in Grenzen. In diesem Herbst rechnen die Allgemeinmediziner mit einer erhöhten Nachfrage. Sollten alle Risikogruppen, inklusive Bewohner von Pflege- und Altenheimen, eine Impfung erhalten wollen, so würden ungefähr 40 Millionen Impfstoffdosen benötigt. Dennoch hält das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) die verfügbaren Mengen an Grippeimpfstoff für ausreichend, denn zuletzt ließ sich nach Angaben des RKI nur rund ein Drittel der Senioren (35 Prozent) immunisieren.

Die KV Berlin ruft Impfwillige dazu auf, mit ihrem Arzt frühzeitig einen Termin für eine Grippeschutzimpfung zu vereinbaren: Es könne zu Kapazitätsengpässen kommen, unter anderem durch eine höhere Impfbereitschaft als in den Vorjahren. „Impfungen senken das Risiko schwerer Erkrankungen oder tödlicher Verläufe. Deshalb empfehlen wir vor allem den Risikogruppen, sich impfen zu lassen.“

Doppelte Testung – doppelte Belastung

Aktuell scheinen die Laborkapazitäten in den meisten Bundesländern noch ausreichend für das Aufkommen an Coronatests. Inwiefern sich das beim Start der Grippesaison ändern wird, ist noch ungewiss. Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt, hat sich zum Schutz vor Überbelastung für Testzentren in ganz Deutschland ausgesprochen. „Um eine Überforderung der niedergelassenen Ärzte zu vermeiden, sollten die Tests besser und einheitlicher organisiert werden.“ Auch Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), warnt vor Überbelastung: „Bei steigenden Infektionszahlen müssen wir im Herbst mit größeren Engpässen und längeren Wartezeiten rechnen.“

Symptome kennen

Einige Symptome von Influenza und Covid-19 ähneln sich, sodass bei Betroffenen häufig Bedenken entstehen, ob sie in die Apotheke oder zum Arzt gehen dürfen oder besser zu Hause bleiben sollten. Um eine erste Einschätzung abgeben zu können, sollten Arzt und Apotheker auf die Unterschiede der beiden Erkrankungen hinweisen. Trockener Husten und Fieber kommt bei beiden Leiden vor. Die Symptomatik bei einer Influenza-Infektion setzt jedoch meist plötzlich ein und verschlimmert sich binnen Stunden. Starke Kopf- und Gliederschmerzen sprechen häufig für eine Influenza.

Symptome wie Riech- und Geschmacksstörungen gelten bisher als Begleitsymptom einer Sars-CoV-2-Infektion. Ein weiteres Symptom von Covid-19 ist die einsetzende Kurzatmigkeit. Menschen, die diese Symptome bei sich ausmachen, sollten zunächst telefonischen Kontakt zu ihrem Arzt aufnehmen. Sowohl Corona als auch die Grippe betreffen nicht die Nase. Patienten, die unter Schnupfen leiden, können normal versorgt werden. Co-Infektionen lassen sich nicht vollständig ausschließen.

 

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