Dresscode in der Apotheke

„Wir sind halt schräg!“

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Berlin -

Der Chef findet‘s toll – die Kunden auch. Claudia Knaus, PTA in der Schloss-Apotheke in Angelbachtal in Baden-Württemberg, steht in ausgefallenen Outfits im Gothic- und Manga-Stil in der Offizin.

Eleganter schwarzer Augenbrauenbogen, viel bunter Lidschatten, lange Wimpern, die die schönen Augen betonen, ein kleines Nasenpiercing, Ohrenpiercings und ein kleiner Tunnel im rechten Ohr – das ist Claudia Knaus. Privat trägt die 38-Jährige auch gern mal eine blaue oder grauhaarige Perücke. Morgens nur schnell in eine Jeans zu hüpfen, wäre für sie undenkbar. Sie wählt ihre Kleidung mit besonderer Sorgfalt aus, trägt zum Karohemd zum Beispiel Leggings mit Herzchenmuster und Schuhe mit Minnie-Maus. Bunt und ausgeflippt.

Die PTA ist Anhängerin der Gothic-Kultur und der Cosplay-Bewegung. Der Begriff Cosplay bezeichnet einen Verkleidungstrend, der in den 1990er-Jahren mit dem Manga- und Anime-Boom nach Europa und in die USA kam. Ein Cosplay-Anhänger stellt eine Figur aus Manga, Anime, Comic, Film oder Computerspiel dar. Die Kunden der Schloss-Apotheke in Angelbachtal sehen allerdings eher „Light-Versionen“ der Comicfiguren. Nur im Fasching oder zu Halloween greift die PTA etwas tiefer in ihre Trickkiste.

„Wir haben 80 Prozent Stammkunden. Wenn ich mal nicht so bunt angezogen bin, fragen sie mich gleich, ob ich bedrückt sei. Es hat sich noch nie jemand beschwert, im Gegenteil, die Kunden finden es toll“, sagt sie. Auch den Kollegen gefällt es und Chef Hubert Mildenberger unterstützt und versteht sie ebenfalls. Er selbst mag nämlich auch keine Kleidervorschriften. Und keine Kittel: „Bei meinem früheren Chef musste ich immer Kittel tragen, ich bin gern sportlich angezogen, trage Jeans oder weiße Hose, dazu ein Poloshirt. Wir sind hier auf dem Dorf, die Leute kennen mich. Ich finde es komisch, wenn die Autorität am Kittel hängt. Das ist vollkommen überholt.“

Wichtig ist für ihn, dass Kompetenz und gute Laune stimmen. „Wir lachen viel zu viel für eine Apotheke! Wir sind halt schräg – andere nennen es Corporate Identity.“ Als Claudia Knaus vor zwölf Jahren bei ihm ihr Praktikum begann, wunderten sich die Kunden noch. „Eigentlich wollte sie nur ein Praktikum machen. Beide Seiten waren zufrieden und so ist sie bis heute geblieben. Ich wurde anfangs gefragt, ob wir hier schwarze Messen feiern, damals schminkte sie ihre Haut noch weiß und trug schwarze Kleidung.“

Mit ihrem herzlichen Wesen und ihrem fachlichen Können hat seine Mitarbeiterin auch Kunden in dem 5000-Einwohner-Ort überzeugt, die anfangs vielleicht skeptisch waren, es aber nicht angesprochen haben. Heute fragt jedenfalls niemand mehr nach schwarzen Messen.

Derzeit durchlebt Claudia Knaus eine unfreiwillige Manga-Pause. „Ich habe eine Hornhautentzündung. Früher habe ich Linsen getragen, das geht nun nicht mehr und ich trage jetzt eine Brille.“ Die ärztliche Diagnose war ein Schock: „Ich darf meine Augen jetzt nicht mehr schminken.“ Aber ein Gothic-Girl lässt sich nicht unterkriegen: Außergewöhnliche Flechtfrisuren und ein Dutt mit Stäbchen im Asia-Stil trösten sie über die Durststrecke hinweg. Und wenn es den Augen wieder besser geht, gibt es auch wieder einen Lidstrich. „Bei uns gehen die Kunden mit einem Lächeln aus der Apotheke“, sagt Hubert Mildenberger.

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