Interview zu Testkäufen

Linz: „Ohne Sanktionen geht es nicht“

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Berlin -

Die Apothekerkammer Niedersachsen weitet ihre Testkäufe aus. Kammerpräsidentin Magdalene Linz sieht ihre Organisation und ihren Berufsstand gleichermaßen in der Pflicht. Mit APOTHEKE ADHOC sprach sie über den doppelten Sinn des Beratungsgesprächs, Schmalspurtests und notwendige Sanktionen.

ADHOC: Nach 400 Testkäufen will Ihre Kammer weitere 300 Apotheken aufsuchen. Waren die bisherigen Ergebnisse so schlecht?
LINZ: Nein, das wäre der falsche Schluss. Es ist aber unsere Aufgabe als Kammer und Aufsichtsbehörde, eine gute Versorgung zu gewährleisten. Dazu zählt eine gute Beratung der Patienten.

ADHOC: Und wieso testen Sie dann nur Schmalspur und nicht die Qualität der Beratung?
LINZ: Unser Credo ist: Eine Frage geht immer. So sieht es die Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) vor. Uns ist wichtig, dass es möglichst in jeder Apotheke in Niedersachsen ein aktives Beratungsangebot gibt. Das hat mit Schmalspur nichts zu tun, sondern entspricht dem berechtigten Wunsch des Gesetzgebers. Statt „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ fordern wir unsere Mitglieder auf: „Fragen Sie Ihren Kunden oder Patienten“.

ADHOC: Reicht Ihnen die Frage: „Ist das Medikament für Sie?“
LINZ: Es kommt auf die Situation und das Arzneimittel an. Bei OTC-Arzneimitteln entspinnen sich nach meiner Erfahrung oft die interessantesten Dialoge, wenn man fragt, gegen welche Beschwerden das Präparat überhaupt eingenommen werden soll. Es ist ein Fehlglaube, dass der Kunde immer weiß, wofür er ein Medikament einsetzt.

ADHOC: Manche Kunden fühlen sich schnell „überberaten“. Kann man es überhaupt richtig machen?
LINZ: Natürlich ist Fingerspitzengefühl gefragt; es soll ja keine Zwangsberatung sein. Wenn der Kunde signalisiert, dass er sich mit dem Arzneimittel auskennt und keine weitere Beratung wünscht, ist das auch in Ordnung. Aber mir ist wichtig, dass es ein Angebot gibt. Das wird übrigens auch wahrgenommen. Mir hat unlängst eine Politikerin berichtet, sie würde in Apotheken jetzt immer so viel beraten. Natürlich kann man diese Aussage auch umkehren, aber ich werte das mal als positive Tendenz.

ADHOC: Und spiegeln Ihre Testergebnisse das wider?
LINZ: Wir werden im Kammervorstand noch besprechen, in welchem Umfang wir die Resultate veröffentlichen. Es zeigt sich allerdings, dass die Ergebnisse der beiden bisherigen Tranchen recht unterschiedlich ausgefallen sind. Wenn wir im Vorfeld auf die Besuche hinweisen, schneiden die Apotheken insgesamt besser ab. Danach verschwindet das Thema bei einigen offenbar wieder aus dem Fokus. Das kennt sicher jeder aus eigener Erfahrung: Kurz nach einer Fortbildung ist das Gelernte noch frisch und wird umgesetzt, später reißen alte Gewohnheiten wieder ein. Deswegen ist es wichtig, immer wieder daran zu erinnern. Und deswegen werden wir weitere Testkäufe durchführen.

ADHOC: Die Kammerversammlung hat dafür einstimmig 50.000 Euro bereit gestellt. Ist Ihnen dieser Wunsch nach Kontrolle nicht ein bisschen unheimlich?
LINZ: Wir sehen das nicht negativ als Kontrolle der Mitglieder, sondern eher als positive Unterstützung. Dazu wurde in der Kammerversammlung unter anderem der Wunsch geäußert, die Kommunikation gegenüber Apotheken zu verändern, die den Test bestanden haben. Derzeit erhalten sie nur eine standardisierte Mitteilung, dass alles in Ordnung war. Ich kann den Wunsch nach einem detaillierten Feedback verstehen, andererseits muss man den administrativen Aufwand und damit die Kosten im Blick behalten. Wir werden auch das im Vorstand besprechen und gegebenenfalls Anpassungen vornehmen.

ADHOC: Und was passiert mit Apotheken, die nicht beraten haben?
LINZ: Sie erhalten Gelegenheit zur Stellungnahme. Dem Inhaber wird der Tag des Besuchs mitgeteilt sowie das Szenario, allerdings nicht der konkrete Mitarbeiter. Wir sehen die Beratung weniger als Einzelleistung, sondern als Gesamtleistung des Teams. Auch das wurde in der Kammer kontrovers diskutiert. Ich persönlich tendiere dazu, die Ergebnisse weiterhin nicht zu personalisieren, aber das letzte Wort ist hierzu noch nicht gesprochen.

ADHOC: Wurden schon Sanktionen verhängt?
LINZ: Bislang nicht. Ein Testkauf ist eine Momentaufnahme, deshalb hat jede Apotheke bei Nichtbestehen eine zweite Chance erhalten. Wir werden jetzt besprechen, wie wir mit denen umgehen, die wiederholt nicht beraten haben – was zum Glück nur in Einzelfällen zutraf. Als Sanktion kommt grundsätzlich eine Rüge in Frage, mit oder ohne Bußgeld. Es ist nicht das Ziel, die Landschaft mit Bußgeldern zu überziehen, aber ganz ohne Sanktionen geht es sicher auch nicht; sonst muss man so eine Maßnahme nicht durchführen. Auf jeden Fall werden Strafen bei uns nicht pauschal verhängt, sondern jeder Fall individuell bewertet.

ADHOC: Was ist, wenn die Politik Sie nach den Ergebnissen fragt?
LINZ: Wir sind aus meiner Sicht nicht verpflichtet, diese zu veröffentlichen. Unsere klare Botschaft an die Politik ist: Wir schauen genauen hin und ergreifen Maßnahmen, wo es nicht optimal läuft. Transparenz hat auch ihren Charme, aber wir wollen in der politischen Debatte auch kein Eigentor schießen. Deshalb werden wir die weiteren Testergebnisse abwarten und dann entscheiden, wie offensiv wir damit an die Öffentlichkeit gehen.

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