Kempten

Der Trinker, der Abt und der Apotheker

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Berlin -

Die Hof- und Residenz-Apotheke im bayerischen Kempten erinnert an ein Museum. Kein Wunder, blickt sie doch auf eine mehr als 300-jährige Geschichte zurück. Die Räume stehen unter Denkmalschutz und Inhaberin Olympia Haslinger hat die traditionelle Inneneinrichtung erhalten. Bei der Technik hat sie allerdings nachgerüstet.

Als die Apotheke 1690 gegründet wurde, war sie die zweite in der damaligen Reichsstadt Kempten. Mit der schon existierenden kommunalen Stadtapotheke war der Abt Rupert von Bodman unzufrieden: Der Apotheker war bekannt als Spieler und Trinker, der die Medikamentenausgabe seiner Frau und den Kindern überließ. Häufig kam es zu Fehlern. Zudem beschwerten sich die Bürger, dass sie in der Stadtapotheke zu viel zahlen müssten. Das Maß war voll, als ein Arzt bei einer Untersuchung feststellte, dass einige Medikamente verunreinigt waren.

Der Abt gründete daraufhin selbst die Fürstäbtliche Hof- und Residenz-Apotheke. Er ließ predigen, dass ab sofort nur noch dort eingekauft werden solle. Wie zu erwarten, duldete das die Stadt Kempten nicht und klagte gegen die Konkurrenz. Kaiser Leopold I. stand jedoch hinter dem Geistlichen und erlaubte ihm, die Apotheke weiterzuführen. Die Hof-Apotheke war damals in den Räumen des Stifts untergebracht. Zur Apotheke gehörten neben Offizin, Labor, Lager und Keller eine Drei-Zimmer-Wohnung für den Apotheker.

Fast ein Jahrhundert lang lief die Apotheke nicht gut, sondern machte jährlich Verluste von durchschnittlich 500 Gulden. Im Jahr 1786 wurde der Apotheker Alois Balthasar Fuchs eingestellt. Ihm gelang es, Ende des 18. Jahrhunderts im Durchschnitt plötzlich 4600 Gulden Gewinn pro Jahr zu erwirtschaften. Denn Fuchs hatte Glück: In dem Zeitraum praktizierte in Kempten ein französischer Arzt, der sehr beliebt war. Der schickte seine Rezepte ausschließlich an die Hof-Apotheke. Zugleich sorgte eine Tierseuche in der Umgebung drei Monate lang für eine hohe Nachfrage.

Fuchs selbst war – wie der Stadtapotheker um 1690 – selten in der Offizin zugange und meist unterwegs. Sein Personal wurde als „unwissend“ kritisiert, weil es weder schreiben konnte noch Latein verstand. Außerdem ließ sich Fuchs angeblich zu viel Zeit damit, Rezepturen anzufertigen, und verlangte zu hohe Preise. Trotz aller Beschwerden machte die Apotheke weiterhin Gewinn.

1802 ging die Hof-Apotheke aus dem Besitz des Stifts an den Staat Bayern über. Der Landesherr beschloss, die Apotheke zu verkaufen. Mehrere Interessenten meldeten sich, aber zur Versteigerung erschienen letztlich nur Fuchs sowie ein Apotheker namens Friedrich Lederle. Während Fuchs der Kaufpreis zu hoch war, erklärte Lederle sich bereit, die Apotheke zu übernehmen. Doch er schien den Verkäufern nicht gebildet genug, um „die einzige Apotheke eines ganzen Fürstentums“ zu führen.

Der Staat Bayern verpachtete daher die Hof-Apotheke an Fuchs und versprach ihm, keine weitere Apotheke im Stiftsgebiet zu genehmigen. Diese Lösung gefiel der Stadt aber auch nicht: 1804 wurde die Apotheke schließlich doch an Fuchs verkauft. In den Räumen der Residenz war er künftig Mieter. Das blieb nicht lange so. Um 1812 kaufte er das Haus eines hohen Beamten und zog mit der Apotheke an den jetzigen Standort um.

1993 hat Haslinger die Apotheke übernommen. Die Kassettendecke der Apotheke ist mittlerweile denkmalgeschützt, die ursprüngliche Einrichtung ist noch in Gebrauch. „Es ist die zweite Inneneinrichtung, seit die Apotheke in diese Räume gezogen ist“, sagt sie. Wie alt die Möbel genau seien, wisse sie nicht.

Das alte Mobiliar hat sowohl Vor- als auch Nachteile: „Kunden sehen sich staunend um, wenn sie hereinkommen“, sagt Haslinger. Aber wegen der typischen Schubladenschränke sei es schwierig, Freiwahlprodukte zu präsentieren. „Die Offizin ist weitgehend erhalten geblieben, aber die Hinterräume wurden komplett erneuert“, sagt sie. Besonders die technische Ausstattung habe sie modernisiert. „Anders geht es heutzutage nicht“, sagt Haslinger. Auf Apothekensoftware ist sie angewiesen. Daher gebe es im Verkaufsraum auch einen Computer.

Die Apothekerin brachte die Hildegard-Medizin in die Apotheke. 2005 zweigte sie einen Teil der Offizin für ein kleines Hildegard-Lädle ab. Die pflanzlichen Präparate, die Haslinger dort anbietet, gehen auf Schriften der Benediktinerin Hildegard von Bingen zurück. So wird im traditionellen Ambiente noch heute traditionelle Medizin verkauft.

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