ApoRetro – Der satirische Wochenrücklick

Förderverein: Spendengala für Apotheke

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Berlin -

Die Wirtschaft ächzt, die Politik strauchelt. Nur gesellschaftliches Engagement kann das Land jetzt noch nach vorne bringen. Und allen Unkenrufen zum Trotz funktioniert das Miteinander in Deutschland noch. Um die Apotheke im Ort zu retten, haben sich Bürgerinnen und Bürger zusammengetan: Sie unterstützen die Inhaberin nach Kräften. Das Modell macht bald die Runde. 

In Niederschweddingsdorf droht die medizinische Versorgung endgültig wegzubrechen. Nachdem sich der Arzt bereits vor Jahren nachfolgerlos in den Ruhestand verabschiedet hat, denkt nun auch Apothekerin Helga Rübendanz ans Aufgeben. Mit 78 Jahren ist für sie der Punkt erreicht, an dem sie kürzer treten muss. Eigentlich würde sie die Apotheke gerne übergeben, doch die Suche nach einer Apothekerin oder einem Apotheker läuft nun schon seit 14 Jahren ohne Erfolg. Lage zu ländlich, Einrichtung zu alt, Kennzahlen zu mäßig.

Um das Problem zu lösen, wollten Bürgermeister und Pfarrer eigentlich eine Konsumentengenossenschaft gründen, die die Apotheke als gemeinschaftliche Initiative weiterbetreiben sollte. Gegen einen monatlichen Mitgliedsbeitrag sollten die Einwohner ihre Arzneimittel vergünstigt bekommen – also ohne jegliche Zuzahlung, so wie man das beim Jauch im Fernsehen gelernt hatte.

30 von 35 Gemeindemitglieder hatte man bereits für die Idee gewinnen können, doch dann machte das Gesundheitsamt dem Plan ein jähes Ende: Das Apothekengesetz erlaube keine Betriebs- oder Beteiligungsmodelle im Apothekenbereich, so die kühle und wenig hilfreiche Mitteilung.

Doch in Niederschweddingsdorf wollte man so schnell nicht aufgeben. Keine Coop-Apotheke? Dann eben einen Förderverein! Jeder tut ein bisschen was rein, und am Ende profitiert der neue Inhaber, so die Logik. Wenn schon die Krankenkassen nicht für ein vernünftigtes Einkommen sorgen, dann muss man es eben selber tun. Der „Auskömmliche Apotheke e.V.“ ist geboren.

Für den Tag der Übergabe wird ein großes Charity-Event vor der Apotheke geplant. Jeder beteiligt sich an den Vorbereitungen: Im Kindergarten wird gebastelt, in der Schule wird ein Tanz einstudiert und im hiesigen Strumpfkombinat eine kleine Performance, im Altersheim wird gebacken. Alle Einnahmen werden an den Verein gespendet. 535,55 Euro hat man am Abend zusammen. Ein guter Anfang.

Auch weiterhin ist man auf Spenden angewiesen. Alle Einwohner im Ort nehmen an möglichst vielen Bonusprogrammen ihrer jeweiligen Krankenkasse teil – das Geld geht direkt an den Verein. Ein weiteres Beispiel: Die Apotheke unterstützt nicht länger den Fußballverein vor Ort, sondern umgekehrt: Von jedem Euro, der über Mitgliedsbeiträge oder Sponsorings generiert wird, fließt die Hälfte an den Förderverein.

Auch Leistungsspenden sind willkommen: Alle Arbeiten, die nicht pharmazeutischem Personal vorbehalten sind, werden von Freiwilligen übernommen: Putzen, Wareneingang, Steuererklärung, Strumpfanmessung, Verkostungsaktion. Schüler übernehmen den Botendienst, statt abends an der Bushaltestelle abzuhängen.

So entsteht aus dem Nichts ein funktionierendes kleines Ökosystem. Erst wird die Presse auf den „Niederschweddingsdorfer Weg“, wie das Projekt respektvoll genannt wird, aufmerksam, bald auch die Wissenschaft: Gesundheitsökonomen attestieren der Initiative einen maßgeblichen Anteil am Erfolg bei der Standortsicherung. Auch die Politik lässt sich blicken und feiern.

Und so dauert es nicht lange, bis es erste Trittbrettfahrer gibt. Eine in Schieflage geratene Krankenkasse ruft ihre Mitglieder zum Beitritt im Förderverein „BKK-Retter e.V.“ auf. In Wolfsburg hat sich der Verein „Verbrenner for life e.V.“ organisiert, um Volkswagen über Wasser zu halten.

Auch dem personellen Abbau in den Ministerien soll mit dem „Freundeskreis der Minister e.V.“ gegengesteuert werden. Und Jens Spahn bittet seine Anhänger darum, ihm über den „Maske e.V.“ zum nächsten politischen Comeback zu verhelfen.

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