Müllerstraße in Berlin

Die härteste Rabatt-Schlacht Deutschlands Silvia Meixner, 25.07.2018 09:58 Uhr

Berlin - In der Müllerstraße in Berlin tobt der vermutlich unerbittlichste Apothekenkampf Deutschlands. Wer nicht mitmacht im Rabatt-Krieg, hat seine Kunden schnell verloren. Über 10 oder 25 Prozent Rabatt auf die Listenpreise können Apotheker hier nur müde lächeln. Damit braucht man die Offizin morgens gar nicht aufzuschließen. 50 Prozent sind hier nicht ungewöhnlich, um mithalten zu können. Der aktuelle Rekord liegt bei 63 Prozent-Schnäppchen. Wie man das überlebt? Nicht allen gelingt das.

Das prominenteste Opfer des Müllerschen Apothekenkrieges ist Christian Belgardt, Präsident der Apothekerkammer Berlin. Seiner Otavi-Apotheke haben aber nicht allein die Schnäppchen, sondern auch der Vermieter den Garaus gemacht. Das Haus ist derzeit voll eingerüstet. Die Eck-Apotheke ist geräumt, nur die Abdrücke der Schrift an der Fassade erzählen davon, dass sich hier bis vor kurzem eine Apotheke befand.

Gegenüber APOTHEKE ADHOC möchte Berlins oberster Pharmazeut sich nicht zum Thema Schnäppchenkrieg äußern. Zur Schließung der Otavi-Apotheke sagt er: „Das Haus wird modernisiert und der Vermieter hatte hinsichtlich der Miete Vorstellungen, die mit der Realität nichts zu tun haben. Ich habe deshalb im Mai geschlossen. Mein Ansatz in der Müllerstraße war der einer Kiezapotheke, ich bin damit nicht reich geworden.” Ein kluger Apotheker hat immer Plan B in der Tasche: Belgardt kaufte die Galenus-Apotheke in Mitte. Beste Lage in der Reinhardt-Straße in der Nähe vom BMG und vieler Theater. Im Umkreis haben viele Verbände und politische Einrichtungen ihre Büros, hier sitzt der Euro lockerer als in der Müllerstraße.

Ein Blick auf Google Earth offenbart das pharmazeutische Müllerstraßen-Problem: Auf einem Abschnitt von rund 1,5 Kilometern befinden sich, aufgereiht wie Perlen an einer Kette, insgesamt zehn Apotheken. Dazu kommen noch jene in den Seitenstraßen des Müllerstraßen-Kiezes. Der Stadtteil Wedding gehört zwar verwaltungstechnisch zum schicken Mitte und immer wieder behaupten Experten, dass der klassische Arbeiterbezirk auch demnächst schick wird, aber Fakt ist: Hier wohnen viele sozial schwache Menschen, für die es wirklich einen Unterschied macht, ob sie in der Apotheke oder im Supermarkt einen oder zwei Euro mehr bezahlen. Rund 40 Prozent der Weddinger sind auf Sozialhilfe angewiesen.

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