Eskalation: Singende Protestkarte an Lauterbach | APOTHEKE ADHOC
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Eskalation: Singende Protestkarte an Lauterbach

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Berlin -

Minister Lauterbach sitzt am Schreibtisch und erledigt die Post. Seit die Pandemie offiziell vorbei ist, ist dieser Teil seiner Arbeit deutlich entspannter geworden. Aber hoppla, was ist das denn? Lauterbach fischt eine sehr, wirklich sehr große Karte aus dem Umschlag und klappt sie auf. In der nächsten Sekunde wird es verdammt laut im Ministerbüro.

In der Din-A0-Karte richtet sich eine riesige Papp-Apotheke auf, die aussieht wie kurz vor oder kurz nach dem Abriss. Dazu singt ein schrille Stimme auf die Melodie von „Wie schön, dass du Geburtstag hast“ folgende kleine Grußbotschaft:

Die Apotheken sind zu!
Die Apotheken sind zu!
Nur Notdienst am 14. Juni!
Alle anderen sind zu!

Als er seinen ersten Schreck überwunden hat, muss Lauterbach schmunzeln. „Das ist, ja also, sozusagen, mal etwas anderes.“ Er schleppt die Karte rüber zur Tischtennisplatte und schlägt sie dort wieder auf. Wieder scheppert der Protestsong durchs Büro.

Lauterbach liest die Grußbotschaft darunter: „Sehr geschätzter Herr Minister Lauterbach, wir haben versprochen, laut zu werden. Tun Sie endlich was für die Apotheken! (Bitte!) Wir können noch lauter! Und das ist Sensa grano salis zu verstehen, wenn Sie verstehen. Am 14. Juni könnte es sein, dass ein nicht unerheblicher Teil der Apotheken teilweise dicht macht!“

Diese vermeintliche Anekdote enthält ein paar Ungenauigkeiten, das gebe ich gerne zu. 1. Die Karte hat nicht gesungen. 2. Sie war wesentlich kleiner (Din-A1). 3. Der Text war ein anderer. 4. Minister Lauterbach hat sie nie gelesen. Was also völlig ironiefrei tatsächlich passiert ist: Die Abda hat XXL-Briefe an die Bundestagsabgeordneten verschickt, um auf die prekäre Lage Apotheken hinzuweisen. Das ist die nächste Sprosse auf der Eskalationsleiter der Berufsvertretung. Im Juni soll es ja dann im Anschluss an den Tag der Apotheke wirklich knallen: Bundesweiter Streik. Den Titelvorschlag hatten wir schon geliefert: „Tag der geschlossenen Apotheke.“

In der Streik-Modellregion Schleswig-Holstein sollten die HV-Tische testhalber am Dienstag hochgeklappt werden. Allerdings nur bis 14 Uhr, man wollte ja nicht übertreiben. Der breiten Masse war das offenbar zu wenig, zu kurzfristig oder zu gemein. Jedenfalls blieb es am Ende ein eher geheimer Streik, eine innere Kündigung. Da half auch die im letzten Augenblick versandte Solidaritätsadresse der Abda nicht mehr.

Das heißt nicht, dass es keinen Protest gab: Grabsteine im Schaufenster hier, martialische Ansagen dort, dezentere Protestformen ebenfalls. Mal streikt nur eine Apotheke im Ort, auf der Insel ist die Abstimmung unter den Kolleg:innen dagegen leichter.

Während der Kampf um die längst überfällige Honorarerhöhung allmählich anläuft, tut sich an anderer Stelle etwas: Weil die Lieferengpässe weiter große Probleme machen, setzt der GKV-Spitzenverband bestimmte Festbeträge weiter aus. Bis Jahresende sind die Preise für Antibiotika und Fiebersäfte damit freigegeben. Und vielleicht unterschreibt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ja irgendwann auch das UPD-Gesetz und verstetigt damit die erleichterten Abgaberegelungen.

Sogar die Kassen begreifen also, dass etwas getan werden muss. Umso rätselhafter ist, welcher Großhändler bei NRW-Gesundheitsminister und CDU-Sozialgewissen Karl-Josef Laumann den Eindruck erzeugt haben soll, die Engpass-Probleme seien kurz vor gelöst. Noweda lässt diese Fantasie mit einer großen und einer viel kleineren Zahl platzen: 270.000 Packungen Kinderantibiotikasaft von Apotheken bestellt, bundesweit verfügbar: 2400.

Auf der politischen Agenda der Apotheken steht außerdem die Abschaffung von Null-Retaxationen. Eine Alternative wäre eine Retax-Gebühr für den Fall, dass die Kasse zu Unrecht retaxiert. Aktuell sind die Forderungen von Apotheken an Dienstleister wie GfS noch Einzelaktionen.

Ebenfalls eher die Ausnahme dürfte Apotheker Michael Grintz sein, der die Freiwahl aus seinen Apotheken verbannt hat. „Keine Zeit für Sonnencreme“ lautet sein Credo. Keine Zeit für Cannabis-Konsumenten würden vermutlich mehr Kolleg:innen unterschreiben. Die Pläne für die Social Clubs lesen sich allerdings auch so, als wären sie unter THC-Einfluss entstanden. In diesem Sinne: Schönes Wochenende!

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