Repetitorium ACE-Hemmer

Der vermeintliche Katarrh

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Berlin -

Kommen Patienten mit Husten in die Apotheke, ist der Griff in die Sichtwahl nahe liegend. Doch nicht immer sind ein Schleimlöser oder Hustenstiller angezeigt: Husten kann auch eine unerwünschte Arzneimittelwirkung (UAW) sein. ACE-Hemmer zur Behandlung von Hypertonie und Herzinsuffizienz werden seit 1981 eingesetzt – ab Therapiebeginn gehören Husten und erhöhte Kaliumwerte zu den unangenehmen Begleiterscheinungen. Beide Probleme werden oft fehldiagnostiziert oder übersehen.

Fall: Patientin, 65 Jahre alt, möchte ein Mittel gegen Husten. Sie war schon bei ihrem Arzt, der empfahl ihr viel Flüssigkeit und Ruhe, ein bakterieller Infekt sei es nicht. Die Patientin wirkt genervt, seit vielen Wochen schon begleitet sie das Problem und wird nicht besser. Sie habe schon alles probiert, neben Hustentee auch pflanzliche Mittel, zum Schlafen nehme sie manchmal einen Hustenstiller. Das will sie zukünftig aber lassen, denn ihre Freundin hat ihr erzählt, dass der sich nicht mit ihren Herztabletten verträgt. Auf die Frage hin, welche „Herztabletten“ sie einnimmt, antwortet sie Aspirin protect (ASS) und Delix (Ramipril). Letzteres hat sie seit vier Monaten, denn der Blutdruck wäre so hoch.

Analyse: Die Vermutung liegt nahe, dass die Patientin einen medikamenten-induzierten Husten durch den ACE-Hemmer Ramipril hat. Die zeitliche Abfolge passt zusammen: Auch dass es auf den ersten Blick klinisch keine weiteren Symptome gibt und dass der Arzt keine Anhaltspunkte für einen bakteriellen Infekt sieht, spricht für eine UAW. Das Medikament darf nicht eigenmächtig abgesetzt werden.

Die Patientin berichtet im weiteren Verlauf des Beratungsgesprächs, welche Hustenmittel sie einnahm, um den Hustenreiz zu lindern. Zunächst löste sie Brausetabletten mit N-Acetylcystein zum Trinken auf. Da dieses Arzneimittel ein Schleimlöser ist, konnte hiermit kein Hustenreiz gestillt werden. Danach probierte sie mehrere Hustentees aus, die vermittelten ihr einen scheinbaren Effekt. Hier wurde der Hustenreiz tatsächlich gelindert, was alleine der warmen Flüssigkeit zuzuschreiben ist, die schluckweise zugeführt wurde. Auffällig für die Patientin war dann tatsächlich immer, dass der Husten nach einiger Zeit stets wieder kam.

Kommunikation: Bevor der Apotheker oder die PTA der Patientin den möglichen Zusammenhang zwischen Husten und Blutdrucktherapie erklärt, sollten weitere Symptome abgefragt werden. Hat die Patientin andere Erkältungssymptome? Hat sie noch andere Medikamente eingenommen oder ist sie Anwenderin eines Asthmasprays? Mögliche Allergien gegen Reinigungsmittel, ein neues Parfum – diese Mittel können auch Reizstoffe enthalten und einen Hustenreflex auslösen. Können diese Fragen alle verneint werden, sollte der Verdacht auf einen medikamenten-induzierten Husten mit der Patientin besprochen werden. Der Mitarbeiter kann anbieten, mit dem behandelnden Arzt Kontakt aufzunehmen und die Situation zu schildern und gemeinsam nach Alternativen zu suchen.

Therapie: Das Angiotensin-Converting-Enzyme (ACE) wandelt Angiotensin in Angiotensin II um. Zusätzlich wird die vasoaktive Substanz Bradykinin durch ACE inaktiviert. Das Kinin ist an Entzündungsprozessen beteiligt, ähnlich dem körpereigenem Stoff Histamin; es erhöht die Gefäßdurchlässigkeit und den Tonus der glatten Muskulatur, so auch in der Lunge. Zusätzlich steigen dadurch die Reizbarkeit des Gewebes für Nozizeptoren und die Menge des Entzündungsmediators Substanz P. Bei der Einnahme eines ACE-Hemmstoffes wird der Stoffwechselweg von Angiotensin zu Angiotensin II geblockt, Bradykinin kann nicht ausreichend abgebaut werden. Bei erhöhtem Bradykinin–Spiegel ist die Lunge empfindlicher gegen äußere Reize und ein Reizhusten entsteht.

Eine Alternative zur Therapie mit ACE-Hemmern stellen Sartane dar, insbesondere beim Auftreten von UAW. Sartane greifen auch in den Angiotensinkomplex ein, allerdings an einer späteren Stelle. ACE wird nicht gehemmt, somit entfallen die Kumulation von Bradykinin und eine erhöhte Reizbarkeit des Lungengewebes. Sartane wirken als Antagonisten an den Rezeptoren von Angiotensin. Nach einer Umstellung von ACE-Hemmer auf Sartan kann es bis zu drei Monaten dauern, bis der Husten sich legt.

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