Pharma-Dialog

Kassen: Erstattungspreis je nach Patientengruppe

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Berlin -

In Berlin fand gestern die zweite Sitzung im Zusammenhang mit dem Pharma-Dialog statt. Vertreter der Arzneimittelhersteller sprachen mit den Staatssekretären aus Bundesgesundheits-, -wirtschafts- und -forschungsministerium über die regulatorischen Rahmenbedingungen, vor allem die Nutzenbewertung von neuen Arzneimitteln und die Erstattung durch die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV).

Über die Ergebnisse der Gespräche wurde Stillschweigen vereinbart; bereits im Vorfeld hatten die Hersteller aber deutlich gemacht, dass ihnen vor allem das Verfahren der Nutzenbewertung beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) und die Übermacht des GKV-Spitzenverbandes in den Preisverhandlungen unter den Nägeln brennen. Neben den Vorsitzenden beziehungsweise Hauptgeschäftsführern von BAH, BPI, VFA und Pro Generika waren als Gäste daher auch GKV-Vize Johann-Magnus von Stackelberg und G-BA-Chef Josef Hecken dabei.

Die Kassen befeuerten die Debatte auf die für sie typische Weise: Parallel zur Dialogsitzung veranstaltete der GKV-Spitzenverband ein zweitägiges Pressesymposium zum Thema. Fazit: Auch der Bestandsmarkt soll überprüft werden; bei einem neuen Anwendungsgebiet sollte die Nutzenbewertung wieder eröffnet werden.

Denkbar wäre auch, ein Preis je nach Indikation: Wo ein Zusatznutzen nachgewiesen sei, könne man einen höheren Preis vereinbaren als in Anwendungsbereichen oder bei Patientengruppen, bei denen das Medikament keinen Zusatznutzen zeige.

Heute könnten von der Industrie wesentlich schneller als früher Metoo-Präparate auf den Markt gebracht werden, die für ein Jahr unreglementiert hochpreisig angeboten werden könnten, so der GKV-Spitzenverband. Deshalb sollte auch der letztendlich gefundene Erstattungspreis rückwirkend gelten.

TK-Chef Dr. Jens Baas räumte ein, dass Forschung und Entwicklung von Medikamenten wichtig seien. Auch wenn die Pharmaindustrie in Deutschland viele Arbeitsplätze biete, dürften Gewinne mit Arzneimitteln ohne Zusatznutzen aber nicht „auf dem Rücken der Versicherten“ erzielt werden. Die Industrie sei aufgefordert, die Qualität der Studien zu verbessern und die Ergebnisse transparenter zu machen. „Wer ein wirklich innovatives Arzneimittel entwickelt hat, muss vor wissenschaftlicher Evidenz nicht zurückschrecken und den Vergleich zu bewährten Präparaten nicht scheuen“, so Baas.

Laut TK-Gutachten hätten es nur vier Präparate auf „grün“ geschafft. 27 Arzneimittel wurden mit „gelb“ gewertet und 26 mit „rot“. Trotz AMNOG hätten Arzneimittel mit geringer Innovationskraft im vergangenen Jahr etwa 12 Prozent der Bruttoarzneimittelausgaben ausgemacht. „Das AMNOG soll dem Arzt eine Orientierung im Versorgungsalltag bieten. Wenn weiter teure Arzneimittel ohne Zusatznutzen für den Patienten verschrieben werden, ist das AMNOG noch immer nicht in der Arztpraxis angekommen“, so Baas.

Beim Pharma-Dialog soll es auch darum gehen, wie man gemeinsam mehr Versorgungsqualität und -sicherheit bei der Arzneimittelversorgung erreichen kann. Apothekenthemen standen gestern nicht auf der Tagesordnung; bei der nächsten Sitzung im Oktober soll es vor allem um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gehen ebenso wie um die Fachkräftesituation und die Herausforderungen der Digitalisierung für den Pharmasektor.

Ziel des Pharma-Dialogs ist es, den Standort Deutschland in den Bereichen Forschung, Entwicklung und Produktion zu stärken, um auch weiterhin eine flächendeckende, qualitativ hochwertige und sichere Arzneimittelversorgung sicherzustellen.

Für Frühjahr ist das letzte der vier anberaumten Treffen angesetzt; im April könnte der Pharma-Dialog abgeschlossen werden. Nicht nur die Hersteller, sondern auch die Apotheker hoffen dann auf einige günstige Neuregelungen. Bei einer Diskussionsveranstaltung des BAH hatte unlängst Joachim Becker, Unterabteilungsleiter Krankenversicherung im BMG, den Herstellern Hoffnung gemacht: Bei keiner der Dialogrunden in den vergangenen Jahren habe es die Politik so ernst gemeint wie diesmal.

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