Bild will Drosten schlachten – und gerät selbst ins Kreuzfeuer | APOTHEKE ADHOC
Streit um Corona-Studie

Bild will Drosten schlachten – und gerät selbst ins Kreuzfeuer

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Berlin -

Die Bild-Zeitung liegt im Clinch mit Professor Dr. Christian Drosten. In einem Beitrag warf die Boulevardzeitung dem Berliner Virologen am Montag vor, er habe mit seiner Studie zur Übertragung von Sars-CoV-2 durch Kinder „komplett daneben“ gelegen und zitierte mehrere Wissenschaftler als Kronzeugen. Die wollen davon allerdings nichts wissen. Drosten selbst hatte den Braten bereits zuvor gerochen. Die Bild-Zeitung wird nun von vielen Seiten scharf für ihre Arbeitsmethoden kritisiert.

„Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“, titelte Bild am Montag ohne großen Interpretationsspielraum, überschrieben mit der Dachzeile „fragwürdige Methoden“. Die werden der Bildzeitung nun ihrerseits vorgeworfen – mal wieder, muss man sagen, und zwar nicht nur allgemein, sondern auch im konkreten Bezug auf Drosten. Bereits seit mehreren Wochen hat sich das größte Boulevardblatt des Landes nämlich auf den Virologen eingeschossen und wird dafür kritisiert, eine Kampagne gegen Drosten zu fahren. Vor allem auf ein Thema versteift sich die Zeitung dabei immer wieder: die Studien zu der Frage, ob Kinder infektiös sind oder nicht.

Drosten warnt bereits seit längerem, dass es Hinweise darauf gebe, dass Kinder Sars-CoV-2 im Falle einer Infektion genauso weitergeben können wie Erwachsene. Die Menge der in den Atemwegen nachweisbaren Viren unterscheide sich nach bisherigen Erkenntnissen nämlich nicht erheblich von den Werten erwachsener Patienten. Die Erkenntnislage in dieser Frage spielt eine durchaus gewichtige politische Rolle: Sie ist eine der Grundlagen für die Entscheidung, ob und wie lange Kitas und Schulen geschlossen bleiben. Hier setzt der Vorwurf der Bild-Zeitung an: Die Kita- und Schulschließungen würden wegen Drostens Warnungen unnötig lange aufrechterhalten – die Studienergebnisse würden das gar nicht hergeben.

Drosten hatte gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern der Charité und der Universität Cambridge eine Untersuchung vorgelegt, die zu einem recht eindeutigen Ergebnis kam: „Bei der Analyse der Viruslast von Patienten verschiedener Altersgruppen konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen festgestellt werden, inklusive der Kinder. Insbesondere legen die Daten nahe, dass sich die Viruslast sehr junger Patienten nicht von der Erwachsener unterscheidet“, heißt es da. „Auf Grundlage dieser Ergebnisse warnen wir vor einer uneingeschränkten Wiedereröffnung von Schulen und Kindertagesstätten in der jetzigen Situation. Kinder könnten genauso ansteckend sein wie Erwachsene.“

An dieser Einschätzung stört sich die Bild-Zeitung offensichtlich und versucht die Studie zu widerlegen. Drosten hat sie dazu mit mehreren Zitaten von Wissenschaftlern konfrontiert, die die Ansicht der Bild-Redaktion zu stützen scheinen: Aus einem englischsprachigen Aufsatz des Wirtschaftswissenschaftlers Dr. Jörg Stoye von der Cornell University in New York zog sie einen Satz, wonach es viele gute Argumente für Schulschließungen gebe, aber Drostens Studie keines hinzufüge. Der Statistik-Professor Dr. Dominik Liebl wiederum habe kritisiert, dass die eigene statistische Auswertung der Studie ihren zentralen Ergebnissen widerspreche.

Mit diesen und zwei anderen Zitaten konfrontierte Bild-Redakteur Filipp Piatov, Leiter des Ressorts „Meinung“, Drosten in einer E-Mail und gab ihm eine Stunde Zeit, sich zu den angeblichen Vorwürfen zu verhalten. Doch der spielte nicht mit: Er veröffentlichte Piatovs E-Mail auf Twitter. Die Bild plane eine tendenziöse Berichterstattung über die Vorpublikation der Studie „und bemüht dabei Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang“, so Drosten. „Ich soll innerhalb von einer Stunde Stellung nehmen. Ich habe Besseres zu tun.“ Kurz darauf legte er nach: „Der Bild-Reporter hat unseren englischsprachigen Mathematiker am Telefon in die Irre geführt“, schrieb Drosten und spielt damit auf die Behauptung an, laut „Bild-Informationen“ seien grobe Fehler in der Studie bereits intern anerkannt worden. „Er bekam die Auskunft, dass wir grade an einem Update der Studie arbeiten, das aber das Ergebnis nicht ändert. Daraus wird dann eine interne Kritik gemacht.“

Weiter hat sich Drosten bisher auch nicht zur Bild-Berichterstattung eingelassen – dafür andere Beteiligte. Die zitierten Wissenschaftler wenden sich nämlich ebenfalls gegen die Zeitung. „Ich wusste nichts von der Anfrage der Bild und distanziere mich von dieser Art Menschen unter Druck zu setzen auf das Schärfste. Wir können uns mehr glücklich schätzen, Drosten und sein Team im Wissenschaftsstandort Deutschland zu haben“, tweetete Liebl beispielsweise. Stoye ging noch weiter, er distanzierte sich eigens mit einem Interview bei Spiegel Online von den Methoden der Bild-Zeitung. Es sei nicht seine Intention gewesen, als Kronzeuge dafür zu fungieren, dass die Studie „grob falsch“ sei und mit „fragwürdigen Methoden“ gearbeitet worden sei. Er habe selbst erst von Liebl und dem ebenfalls von der Bild zitierten Statistikprofessor Christoph Rothe von dem Artikel erfahren. „Niemand von Bild hat mit mir gesprochen, und ich distanziere mich ausdrücklich von dieser Art der Berichterstattung“, hatte Rothe sich zwischenzeitlich distanziert.

„Wir sind alle in gleichem Maße unglücklich damit“, erklärt Stoye dazu gegenüber dem Spiegel. „Ich will nicht Teil einer Bild-Kampagne sein. Ich hatte keinen Kontakt zu Bild, sie haben mich nicht angefragt, ich habe mich auch nicht angeboten.“ Sein Zitat stamme aus einem englischsprachigen Aufsatz, „den Bild dann recht freihändig übersetzt hat,“ sagt er. Andere Aussagen aus dem Artikel seien verkürzt oder aus dem Zusammenhang gerissen worden. „So, wie Bild meine Zitate verwendet, stehe ich auf keinen Fall dazu. Natürlich habe er die Studie in dem Aufsatz kritisiert, laut Bild sei er mit Drosten hart ins Gericht gegangen. „Na ja. Was heißt hart. Es ist ein wissenschaftlicher Fachaufsatz. Dort wird schon mal eine undiplomatische Sprache verwendet.“ Tatsächlich gibt es auch berechtigte Kritik, vor allem an der Zahl der untersuchten Kinder und den statistischen Auswertung der Daten, die derzeit von Wissenschaftlern angebracht wird. Auch er tatsächlich in manchen Punkten anderer Ansicht als Drosten, sagt Stoye – aber so sei das nun einmal in der Wissenschaft.

Doch nicht nur die beteiligten Wissenschaftler wenden sich gegen die Bild-Zeitung. Auch aus den ehemals eigenen Reihen muss sich die Boulevardzeitung scharfe Kritik anhören: Die Hälfte seiner 34-jährigen Karriere als Journalist habe er bei der Bild und der Bild am Sonntag verbracht, begann der ehemalige stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter eine längere Einlassung zu dem Fall auf Facebook. „Daher lasse ich mich nicht von Leuten vereinnahmen, die Bild schon immer und sowieso schrecklich finden.“ Doch selbst abgesehen von Piatovs „nur als niederträchtig zu bezeichnenden“ Recherchemethoden handele es sich bei dem Artikel nur um eine Irreführung. „Diese Schlagzeile ist durch nichts belegt. Durch gar nichts!“, wütet er gegen seinen ehemaligen Kollegen. „Wenn Herr Piatov auch nur einen Hauch Ahnung hätte vom Boulevard-Journalismus, dann wüsste er: Was in der Schlagzeile steht, sollte auch im Text stehen. Da steht es aber nicht.“

Stattdessen werfe Piatov selbst in dem Artikel nur die Frage auf, ob Schulen und Kitas geschlossen seien, weil Drosten sich verrechnet hat. „Fragezeichen! Im Ernst?“ Auch für die Behauptung, in Drostens Forscherteam seien „Fehler bereits eingeräumt“ worden, finde sich im Text „nicht der Hauch eines Beleges“. Piatov habe nicht begriffen, wie Wissenschaft funktioniert: Nämlich über die Publikation von (Teil-)Ergebnissen, über die im Anschluss international diskutiert wird, um am Ende – und das kann Jahre oder Jahrzehnte dauern – zu einer gemeinsamen abschließenden Erkenntnis zu gelangen. „Ich habe von Virologie keine Ahnung, aber von Journalismus durchaus“, so Streiter. „Ob Professor Drosten immer alles richtig macht, weiß ich nicht. Aber ich bin mir ganz sicher, dass Professor Drosten seinen Beruf weitaus besser kann als Herr Piatov seinen.“

 

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