Mehr als jede:r dritte Deutsche hat regelmäßig Probleme beim Ein- oder Durchschlafen. Zu den Ursachen zählen nicht nur Stress oder psychische Belastungen. Schlafstörungen können auch ein Warnsignal für eine Funktionsstörung der Schilddrüse sein.
„Die Schilddrüse beeinflusst zentrale Prozesse im Körper – darunter den Schlaf-Wach-Rhythmus, die Stimmung und den Energiehaushalt“, so Professor Markus Essler vom Bundesverband Deutscher Nuklearmediziner (BDN). Aktuelle Daten weisen darauf hin, dass Schlafstörungen ein frühes Warnsignal für eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse sein können.
Innere Unruhe, Herzrasen, Nervosität oder nächtliches Schwitzen gehören zu den Symptomen einer Schilddrüsenfunktionsstörung. Bei einer Überfunktion läuft der Stoffwechsel auf Hochtouren, was Ein- und Durchschlafstörungen begünstigen kann. Dass Schlafprobleme häufig auftreten, zeigt eine Untersuchung zu Morbus Basedow, einer Autoimmunerkrankung, die eine Schilddrüsenüberfunktion auslöst: Rund zwei Drittel der Betroffenen berichteten über Einschlafstörungen. Zudem deuten aktuelle Daten darauf hin, dass Frauen vermehrt unter schlafbezogenen Beschwerden im Zusammenhang mit Schilddrüsenerkrankungen leiden.
Aber nicht nur eine Überfunktion, sondern auch eine Unterfunktion der Schilddrüse kann sich negativ auf den Schlaf auswirken. „Viele Menschen mit Schilddrüsenunterfunktion sind tagsüber erschöpft und antriebslos, schlafen aber nachts trotzdem schlecht“, so Essler. Obwohl die Betroffenen ausreichend lange schlafen, fühlen sie sich am Morgen nicht erholt. Ursachen können depressive Verstimmungen, Veränderungen des Stoffwechsels oder Störungen der nächtlichen Atmung sein. Untersuchungen weisen darauf hin, dass eine Hypothyreose mit einem erhöhten Risiko für Schlafapnoe verbunden ist.„Und schließlich kann auch eine Überdosierung der Schilddrüsenmedikamente Schlafprobleme auslösen“, so Essler.
Forschende vermuten, dass Schilddrüsenhormone direkt auf bestimmte Botenstoffe im Gehirn wirken, die Schlaf und Stimmung regulieren. Auch ein Schlafmangel kann hormonelle Regelkreise beeinflussen. „Wir gehen heute davon aus, dass Schlaf und Schilddrüse in einer hormonellen Wechselbeziehung stehen“, so Essler. Der bidirektionale Zusammenhang gelte als wissenschaftlich gut belegt, auch wenn die zugrunde liegenden biologischen Mechanismen noch nicht vollständig verstanden seien.
Bereits leichte hormonelle Veränderungen der Schilddrüsenfunktion – eine subklinische Schilddrüsenunterfunktion – können mit Schlafproblemen verbunden sein. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit insgesamt 2916 Patient:innen. Von einer subklinischen Unterfunktion ist die Rede, wenn der TSH‑Wert erhöht ist, die Schilddrüsenhormone im Blut aber noch im Normbereich liegen. „Die aktuelle Evidenz spricht dafür, dass selbst geringe Abweichungen der Schilddrüsenwerte die Schlafzufriedenheit beeinträchtigen können“, zieht Essler Bilanz.
„Wer dauerhaft schlecht schläft und zusätzlich körperliche Veränderungen bemerkt, sollte die Schilddrüse ärztlich abklären lassen“, empfiehlt Essler. Typische Hinweise auf eine Schilddrüsenfehlfunktion sind neben Schlafproblemen und unerklärlicher Erschöpfung unter anderem auch Gewichtsveränderungen, Frieren, Zittern und Konzentrationsprobleme.
Die Schilddrüse befindet sich unterhalb des Kehlkopfes. Von dort aus steuert sie zahlreiche Funktionen wie den gesamten Stoffwechsel. Ihre Hormone beeinflussen unser seelisches Wohlbefinden, Fruchtbarkeit und Sexualität sowie Haut, Haare und Nägel.
In der Schilddrüse werden die Hormone Triiodthyroxin (T3) und Thyroxin (T4) produziert. Die Ausschüttung der Hormone wird über das schilddrüsenstimulierende Hormon (TSH) aus der Hirnanhangsdrüse über einen Rückkopplungsmechanismus gesteuert. Werden zu wenig Schilddrüsenhormone gebildet, steigt der TSH-Spiegel und somit die Produktion. Die gesunde Schilddrüse gibt pro Tag etwa 100 μg T4 und 10 μg T3 ab, wobei T3 außerdem durch enzymatische Umwandlung aus T4 entsteht. Etwa 99 Prozent der Hormone werden an Eiweißen gebunden zu den Zielorganen transportiert. Nur ein Bruchteil zirkuliert als freies Hormon.
Die Aminosäure Tyrosin ist die Basis für die Hormone. An den Eiweißbaustein werden drei beziehungsweise vier Iod-Atome gebunden. Eine gesunde Schilddrüse bildet etwa zehnmal mehr T4 als T3. Ein Iodmangel kann die Bildung der Hormone und somit die Funktion der Schilddrüse beeinflussen.
In Deutschland leidet etwa jeder Dritte an einer Erkrankung der Schilddrüse. Möglich sind eine Über- oder Unterfunktion sowie Kropfbildung und Entzündungen. Die Symptome der Erkrankungen sind unterschiedlich.
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