VOC2020/12/01

Mutiertes Virus: Falsch negative PCR-Tests

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Berlin -

Die Meldungen über eine Mutation von Sars-CoV-2, die mit einem neuen – womöglich ansteckenderem – Stamm einhergeht, sorgt derzeit für Aufregung. Wissenschaftler haben mittlerweile herausgefunden, dass er über 23 genetische Veränderungen verfügt, allerdings sind nur drei davon nach bisherigen Erkenntnissen möglicherweise von gravierender Bedeutung. Mittlerweile wurde der Stamm von einer „Variant Under Investigation“ (VUI) zu einer „Variant of Concern“ (VOC) umbenannt.

Vor etwa einer Woche rückte die in England nachgewiesene Mutation „VOC2020/12/01“ oder auch der Stamm „B.1.1.7“ von Sars-CoV-2 in den Fokus. Es ist bei weitem nicht die erste bekannte Mutation des Coronavirus, zuvor hatten sich bereits verschiedene Stämme unter anderem in Südafrika und Dänemark gezeigt. VOC2020/12/01 scheint sich jedoch im Vergleich zu den bislang bekannten Mutationen schneller zu verbreiten – rund 70 Prozent ansteckender soll der Virusstamm sein.

Drei Veränderungen von Bedeutung

Mittlerweile wurde er genauer unter die Lupe genommen: Dem „Covid-19 Genomics Consortium UK“ zufolge weist er gleich mehrere genetische Veränderungen auf – insgesamt 23 Stück. An 13 Stellen zeigt das Virus sogenannte „non-synonyme Mutationen“, die zu einer Veränderung der Aminosäuresequenz führen. Außerdem gibt es vier „Deletionen“: Darunter versteht man kurze Abschnitte des Virusgenoms, die fehlen und sich ebenfalls auf die Virusstruktur und die Eigenschaften des Stammes auswirken. Hinzu kommen sechs synonyme Mutationen.

Doch nicht alle Mutationen scheinen von Bedeutung zu sein. Dass sich Viren im Laufe der Zeit verändern und mutieren, ist bereits lange bekannt. Art und Lokalisierung der Mutationen bestimmen die Auswirkungen und deren Ausmaß. Am bedeutendsten könnte den Forschern zufolge eine Punktmutation mit dem Namen „N501Y“ sein: Sie tritt an einer Aminosäure in der Rezeptorbindungsstelle des Spikeproteins auf. Dieses ist bekanntermaßen wichtig für den Eintritt in die menschlichen Körperzellen über die ACE2-Rezeptoren. In Tierversuchen führte diese Mutation dazu, dass die Affinität zum Rezeptor erhöht wurde, wodurch das Eindringen des Virus erleichtert wurde.

Auch die Mutation „P681H“ könnte Auswirkungen auf die Eigenschaften des Stammes haben, denn sie ist an der Furinspaltungsstelle lokalisiert: Bei Furin handelt es sich um ein Enzym, welches das Virus nutzt, um in die Zellen zu gelangen. Außerdem könnte eine der drei Deletionen von Bedeutung sein. „69-70del“ befindet sich im Gen für das Spikeprotein und könnte somit die körpereigene Immunantwort beeinflussen.

Besonders alarmierend ist jedoch, dass es bei der neuen Virusvariante zu falsch negativen PCR-Tests gekommen ist: Durch die Mutationen fällt in den PCR-Tests der Abstriche eine von drei Komponenten – nämlich die, die nach dem S-Gen fahndet – negativ aus. Die anderen beiden, welche nach den Genen F und ORF1ab suchen, bleiben positiv. Dieses spezielle „Muster“ macht es möglich, die Verbreitung der Virusvariante weiter zu beobachten.

Ursprung bisher unbekannt

Bislang ist unklar, woher die neue Virusvariante stammt. Möglicherweise könnte sie sich im Blut eines immunsupprimierten Patienten entwickelt haben und verbreitet worden sein. Der neue Stamm wurde erstmals im September in der Provinz Kent nachgewiesen, kurz darauf auch im Großraum London. Mittlerweile wurde er auch außerhalb des Vereinigten Königreichs in verschiedenen Ländern gefunden.In Deutschland wurde die neue Virusvariante dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge bisher nicht nachgewiesen. „Ein Vorkommen kann jedoch nicht ausgeschlossen werden“, schreibt das RKI.

Bislang ist unklar, ob neben der Infektiosität auch die Pathogenität erhöht ist und es bei einer Infektion vermehrt zu schweren Verläufen mit Todesfolge kommt. Auch die Wirksamkeit von Impfungen ist ein Thema: Bislang wird davon ausgegangen, dass die Schutzwirkung der Vakzine nicht beeinträchtigt wird. Der Impfstoff-Hersteller Biontech gab jedoch bereits bekannt, dass es prinzipiell möglich sei, an Mutationen angepasste Vakzine binnen kürzester Zeit zu produzieren. Es sei aber sehr wahrscheinlich, dass der bereits hergestellte Impfstoff auch gegen die neue Variante wirke.

 

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