„Ohne Apotheke gehe ich ein wie eine Primel“ | APOTHEKE ADHOC
Inhaber 75+

„Ohne Apotheke gehe ich ein wie eine Primel“

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Berlin -

Mit 65 Jahren in Rente gehen? Das kommt für manchen Inhaber nicht in Frage. Die Gründe für das Weiterarbeiten sind unterschiedlich – oft finden sie keinen Nachfolger. Der 82-jährige Klaus von Broen und der 75-jährige Dr. Friedrich Rexrodt haben immer noch Spaß am Leiten ihrer Apotheken – aufhören kommt erstmal nicht in Frage.

54 Jahre leitet von Broen die Bauerberg-Apotheke in Hamburg. „Ich habe sie mit 28 Jahren gegründet“, sagt er. Damals war die positive Entscheidung zur Niederlassungsfreiheit für Pharmazeuten gerade einmal sieben Jahre her. Es habe kaum neue Apotheken in der Hansestadt gegeben. Ein Hindernis sei der Mangel an Gewerberäumen gewesen. Ein Bäcker bot ihm einen Teil seiner Räume an einer Hauptstraße an.

Von Broen überlegte nicht lange. Denn bei dem jungen Pharmazeuten, der zuvor als Angestellter gearbeitet hatte, wurde Morbus Bechterew diagnostiziert. „Ich dachte, in zehn Jahren sitzt du im Rollstuhl“, erinnert er sich. Gemeinsam mit seiner Frau hatte er 13.000 D-Mark gespart. Die Apotheke kostete damals 100.000 Euro, von der Bank erhielt er eine Bürgschaft. „Der Betrieb sprang gut an und ich konnte mir nach einem halben Jahr zwei Pharmazeuten leisten.“

Mit den Angestellten könne sich ein Chef Freiraum leisten, sagt von Broen. „Mittags bin ich nach Hause gefahren, die Büroarbeit habe ich abends erledigt.“ Drei Jahre nach Eröffnung wurde ihm das Haus, in dem die Apotheke war, angeboten, der Bäcker wollte verkaufen. „Ich habe sofort reagiert, die meisten trauen sich das nicht. Aber motiviert durch meine Krankheit war ich bemüht, Sicherheiten zu schaffen.“

Mit den Jahren stieg die Konkurrenz. Anfang der 70er-Jahre öffnete 100 Meter entfernt von seinem Betrieb ein Mitbewerber. „Das hat mich einen Apotheker gekostet.“ Von Broen, der Gefallen an Immobilien gefunden hatte, reagierte mit dem Aufbau von Arztpraxen. Er erwarb weitere Immobilien in seiner Straße und siedelte mehrere Praxen an. „Ich habe viel Glück gehabt und zugeschlagen.“ Ein Antrieb sei immer seine Krankheit gewesen.

Später kaufte er die Konkurrenzapotheke auf, um sie kurz darauf zu schließen. „Filialisierung war für mich uninteressant“, sagt er. Von Broen wollte seinen Freiraum behalten. „Mit weiteren Apothekenstandorten verdient man häufig kein Geld und sichert sich nur das Revier.“ Das habe er über die Immobilien getan. Heute gebe es im Umkreis von einem Kilometer keine weitere Apotheke. 50 Prozent seiner Kunden kämen von weiter weg, weil es genügend Parkplätze gebe. „Manchen Kunden habe ich noch mit der Milchflasche großgezogen.“

Auch wenn er in den vergangenen Jahren verschiedene Tätigkeiten wie in der Kammer, im Versorgungswerk oder als Pharmazierat oder Aufsichtsratsmitglied beim Großhändler F. Reichelt (heute: Phoenix) hatte, stand die Apotheke immer im Fokus. „Pharmazie hat mir immer großen Spaß gemacht. Ohne Apotheke gehe ich ein wie eine Primel“, sagt er. Nachdem vor drei Jahre seine Frau verstorben sei, sei der Sonntag der schlimmste Tage der Woche. „Geld ist nur eine Basis, gegen die Einsamkeit hilft es nicht.“

An das Aufgeben denkt von Broen noch nicht. „Das Stehen, Greifen und Bücken in der Apotheke hat mich vor dem Rollstuhl bewahrt.“ Demnächst wird in seinem Betrieb ein Kommissionierer eingebaut. Die Apotheke soll für die nächste Generation gerüstet sein. Denn seine Enkelin will einsteigen. Noch ist sie in Würzburg. Er freut sich über seine Nachfolgerin: „Ich fühle mich nicht vom Stuhl gestoßen.“

Auch Apotheker Rexrodt blickt entspannt in die Zukunft. Seine Tochter studierte Pharmazie und würde die Apotheke im baden-württembergischen Schwanau-Nonnenweier übernehmen. 1987 gründete er den Betrieb, nachdem er Lebensmittelchemie, Medizin und schließlich Pharmazie studiert hatte. Es habe Ärzte, jedoch noch keine Apotheke gegeben, sagt er. Auch seine Frau führt eine Apotheke – seit 1965.

Die Arbeit in der Offizin treibt ihn an: „Wir haben sehr nette Kunden, die einem die Bestätigung gegeben, gebraucht zu werden“, sagt er. Das Medizinstudium habe ihm bei der Beratung immer sehr geholfen. „Ich habe Wissensstärken, mit denen ich Stammkunden halten und eine Abwanderung ins Internet verhindern kann.“ Rexrodt ist täglich zehn Stunden in der Apotheke – „die Mittagspause macht es angenehm“, sagt er. Mittwochnachmittags sei geschlossen. Fit hält er sich mit Laufen – jeden Tag ist er 25 Minuten unterwegs.

Jungen Pharmazeuten rät er, sich das Berufsbild genau anzusehen. „Man braucht auch betriebswirtschaftliches Wissen und eine digitale Versiertheit. Auch Geduld und Freundlichkeit sowie eine Liebe am Komplizierten sollte man mitbringen.“ Nachteilig bewertet er heutzutage die Personalsuche, die vielen verschiedenen Verträge und die Lieferengpässe. „Die Beratung dauert heute wegen des Erklärungsbedarfs dreimal länger.“

Der 75-Jährige könnte sich vorstellen, in ein bis zwei Jahren in den Ruhestand zu gehen. Regelmäßig wird er von Kunden gefragt, ob die Gerüchte stimmten, dass die Apotheke schließe – der typische Klatsch am Stammtisch. Sogar im Amtsblatt habe bereits gestanden, der Betrieb mache zu. „Ich sage den Kunden dann, sie müssen sich keine Sorgen machen.“

Die Apothekenkammer Baden-Württemberg hat ältere Inhaber nicht speziell im Blick. Es gebe keinerlei Einschränkungen, was das Alter betreffe, sagt eine Sprecherin. „Ein Apothekeninhaber darf seine Apotheke grundsätzlich so lange betreiben, wie er möchte.“ Hellhörig werde man, wenn es zu Beschwerden komme oder es Vorfälle gebe, die dem entgegen sprechen könnten oder sich auf das Alter zurückzuführen ließen. „Dann wird die zuständige Behörde tätig, die auch die Betriebserlaubnis erteilt hat.“

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