„Die Apotheke ist wie eine Bühne“ | APOTHEKE ADHOC
Pharmazeut und Musiker

„Die Apotheke ist wie eine Bühne“

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Berlin -

Als Sänger, Musiker und Komponist hat sich Rainer J. Hofmann in Regensburg und darüber hinaus in mehr als drei Jahrzehnten einen Namen gemacht. Tagsüber steht er als Filialleiter in einer Lappersdorfer Offizin. Beide Welten hätten mehr gemeinsam als man landläufig denke, findet der heute 50-Jährige.

Seine erste kleine Band gründete Hofmann mit 16. Damals, um 1983 herum, stand vor allem selbst geschriebener „Joy Funk“ à la Level 42 oder Spyro Gyra auf dem Programm. „Doch musikalisch war ich schon immer breit aufgestellt, so habe ich auch Klassik beim Chor der Bamberger Symphoniker und dem Süddeutschen Vokalensemble gesungen“, erzählt er. Aus einer zwischenzeitlichen Gustav-Mahler-Phase wechselte Hofmann beinahe nahtlos über zu Tom Waits.

Diese Vorliebe kann er seit mehr als 20 Jahren hemmungslos im „RostMondOrchestra“ ausleben, das aus dem Quartett „Allgemeiner Weltzustand“ hervorging. „Unsere Songs beschreiben die Welt so wie sie ist, nämlich nicht ganz so lustig“, sagt Hofmann. Er muss es ja wissen, steuert er doch viele der Noten und Texte bei, die dann von Sepp Fischer rotzig-rauchig interpretiert werden. Im Jahr 1998 richtete die Band das erste Vorweihnachtskonzert aus. Die mittlerweile mit den „Blowing Santa Clauses“ angereicherten, alles andere als besinnlichen Gigs steigen traditionell an jedem 23. Dezember.

Am anderen Ende seines musikalischen Spektrums ist das Trio Trikolore angesiedelt. Es hat sich ganz dem klassischen französischem Chanson verschrieben. Dazu fand sich Hofmann vor 18 Jahren mit Sängerin Eva Sixt und Sepp Frank zusammen. „Wir befreien die Lieder von den bombastischen Orchesterarrangements und bringen sie zurück auf die Straße“, sagt Hofmann. „Das klingt für viele unerhört und wieder neu.“ Mit „For Sixties“ hat das Trio gerade seine fünfte CD veröffentlicht. Zu hören sind hier unter anderem früher von Dalida, Françoise Hardy, Juliette Gréco und Leo Ferré interpretierte Stücke.

Einer anderen Passion geht der Musiker vornehmlich im Sommer nach. In diesem Jahr begleitet er bereits zum 20. Mal zwei Kunstwerke aus der ersten Blütezeit des Kinos bei der Regensburger Stummfilmwoche, dem ältesten Festival seiner Art in Deutschland. Dabei setzt er viele, zum Teil selbst gebaute Instrumente ein. „Ich liefere quasi die Tonspur und kann so auch die Stimmung des Films verändern.“

Das Leben als Vollblutmusiker kann Hofmann gut mit seinem Hauptberuf als Apotheker vereinbaren. Doch dafür musste er sich im Laufe der Jahre von einigen Träumen verabschieden. „Mit dem Pharmaziestudium in der Tasche hatte ich eigentlich vor, Musik in Vollzeit zu betreiben“, erinnert er sich. Doch mit der Kunst allein ließ sich kein Lebensunterhalt bestreiten. Seit 1993 arbeitet Hofmann als Apotheker. „Zunächst dachte ich, ich mache 19, 20 Wochenstunden Vertretung, dann hab ich Zeit für meine Leidenschaften. Aber alle paar Tage von einer Apotheke zur anderen zu wechseln, hat sich als extrem anstrengend erwiesen, das war schon grober Unfug.“ Im Jahr 1999 fand er eine feste Teilzeitstelle in der Albertus-Magnus-Apotheke im zehn Kilometer von Regensburg entfernten Lappersdorf. Zehn Jahre später wurde ihm die Filialleiterstelle in Vollzeit angeboten. „Mittlerweile war ich verheiratet und hatte drei Kinder, da musste ich ein solides Fundament schaffen“, sagt Hofmann. „Dazu kam mir entgegen, dass sich die Apotheke in Homöopathie und Naturheilverfahren spezialisiert hat.“

Nach zehn Stunden Apothekenstress helfe die Musik: „Dank ihr kann ich mich in kürzester Zeit entspannen.“ Seine zweite Laufbahn fresse gar nicht so viel zusätzliche Energie. „Da wird eine andere Batterie beansprucht. Ich freue mich immer aufs Musizieren“, sagt Hofmann. „Die Auftritte sind ohnehin meist am Wochenende, so bekomme ich meist meine ausreichenden sechs bis sieben Stunden Schlaf.“ Bei seiner Frau findet Hofmann viel Verständnis. „Sie arbeitet heute im Veranstaltungsmanagement der Sparkasse und war früher selbst leidenschaftliche Theaterschauspielerin.“

Überhaupt hätten die Bühne und die Apotheke viele Gemeinsamkeiten, findet Hofmann. „Auch in der Offizin laufen tagtäglich viele Stücke ab. Es ist nicht ganz klar, wer die Schauspieler sind und wer die Zuschauer“, meint Hofmann. „Wenn ich die Rolle meines Kundens verstanden habe, kann ich mit ihm gut spielen.“ Selbst wenn einer mal seinen Ärger los werden wolle, gehe es ihm wie allen Menschen vor allem darum, „bei Trost zu bleiben. Alle wollen gleich behandelt werden“. Da gelte es, als Apothekenmitarbeiter „elastisch“ zu bleiben. „Wenn sich der Kunde verstanden, angenommen und gut aufgehoben fühlt, dann kann ich ruhig auch schrägen Wortwitz anwenden.“

Das naturwissenschaftliche Studium allein bereite nicht angemessen auf den Umgang mit Menschen vor, sagt der Künstlerapotheker. „Ich wäre dafür, dass jeder Student auch ein Semester Schauspiel und ein weiteres Psychologie belegen sollte. Kenntnisse in beiden Fächern halte ich unabdingbar für die Offizin.“ Schließlich gelte es im Alltag, überzeugend zu vermitteln, was den Apotheker oder die PTA auszeichne. „Das versuche ich unseren Nachwuchskräften auch in diesen turbulenten Zeiten mit ihren grenzwertigen Bestimmungen nahe zu bringen.“

Im vegangenen Jahr hat Hofmann die magische 50er-Schwelle überschritten. „Mit zunehmendem Alter gibt es ganz viele Dinge, die man gelassen betrachten kann. Man muss nicht mehr alles machen und kann sich schmerzfrei von der einen oder anderen Utopie verabschieden.“ Niemals verabschieden will er sich von seiner Doppelprofession als Künstler und als Apotheker. „Ich habe mir das damals expressis verbis im Arbeitsauftrag aufnehmen lassen. Ein Beruf, der mir meine künstlerische Tätigkeit verwehrt, wäre für mich gar nicht machbar.“

Musikbegeisterte Apotheker und PTA haben auch dieses Jahr wieder eine tolle Chance: Der erfolgreiche Gesangswettbewerb „Revoice of Pharmacy“ von APOTHEKE ADHOC und GeloRevoice geht derzeit in die dritte Runde. Apotheker, Apothekerinnen, PTA, PKA sowie Pharmaziestudierende und Auszubildende in Apothekenberufen, die mindestens 18 Jahre alt sind, können sich jetzt für die neue Staffel bewerben. Mitmachen ist ganz leicht: Einfach ein Video mit zwei Songs mit unterschiedlichen Tempi (Uptempo oder Midtempo und Ballade) aufnehmen und per Online-Bewerbung einreichen. Handyqualität ist dabei völlig ausreichend, lediglich der Gesang sollte gut zu hören sein.

Aus den Einsendungen werden die fünf talentiertesten Stimmen ausgesucht. Einsendeschluss ist der 15. Juni 2018. Alle weiteren Infos zu „Revoice of Pharmacy“, dem Bewerbungsformular und den Teilnahmebedingungen finden Interessierte unter revoiceofpharmacy.de.

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